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Monats-Archiv: Januar 2015 − News & Stories

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Terra Nova Bay, Kap Hallet

Eine Bucht und ein Kap in der Überschrift – Terra Nova Bay, Kap Hallet – beide an der Küste des Victoria Landes im Rossmeer gelegen, das deutet Spannendes an. Große Eisbergalleen im Rossmeer, gewaltige Gletscher, Pinguine und Schwertwale quasi garantiert, eventuell auch eine Anlandung, vielleicht auf Inexpressible Island, wo Scotts Nordgruppe ungewollt und dramatisch, aber letztlich erfolgreich, überwintern musste? Zodiacausfahrten, Hubschrauberrundflüge, unter der Mitternachtssonne, vorm Frühstück, von früh bis spät?

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Ein sehr entspannter Tag sollte es tatsächlich werden. Wie sich zeigte, war die Küste überall viele Meilen weit von schwerem Packeis abgesperrt. Alte, harte, große Schollen, unüberwindliche Hindernisse. So blieb uns, bei tiefen Wolken und steifer Brise, fernab der Küste das Gefühl, auf hoher See zu sein, mitten im Rossmeer, das ja auch nicht gerade ein Teich ist. Nun, ein wenig Erholung von den langen Tagen, die wir bis gestern hatten, kann nicht schaden, und wir haben immer noch das Kap Adare vor uns, hoffen wir dafür das Beste.

Kap Royds

Wir hatten gestern Abend noch einen Anlauf am Kap Royds gemacht, nur um festzustellen, dass Backdoor Bay, die dortige Anlandebucht, immer noch mit völlig unbrauchbarem Eis gefüllt ist. Und somit wurden heute zu früher Stunde wieder die Hubschrauber aus dem Hangar gezogen, und bald war der Luftbus-Schütteldienst (shuttle service) wieder in Betrieb.

Kap Royds liegt am Fuß des Mount Erebus, deutlich sichtbar vulkanisch geprägt, mit ein paar sehr auffälligen Granit-Findlingen. Eine schöne, etwas finstere Hügellandschaft, und der prächtige Anblick des Mount Erebus im Hintergrund blieb uns auch heute erhalten. Was sehr angemessen war, denn immerhin ging seine Erstbesteigung von hier aus, während der Expedition, welche die Hütte hinterließ, zu der wir jetzt unseren kleinen Pilgergang machen.

Die Nimrod-Expedition (1907-09) war Shackletons erste eigene Antarktis-Expedition und auf jeden Fall seine erfolgreichste. Beinahe hat er den Südpol erreicht, es waren keine hundert Meilen mehr, als er sich zur Umkehr gezwungen sah, „besser ein lebender Esel als ein toter Löwe“. Der Mount Erebus wurde, wie gesagt, erstmalig bestiegen, und der südliche Magnetpol erreicht, wovon James Clark Ross 1841 nur hatte träumen können.

Die Hütte ist kleiner und schlichter als Scotts verwinkelte Basis am Kap Evans. Konserven stehen in den Regalen. Alle Männer teilten sich einen großen Raum, nur The Boss himself hatte ein Winkelchen für sich, das er aber zeitweise an Kranke abtrat. Bei genauem Hinschauen findet sich sogar noch Shackletons Unterschrift auf einem Brett.

Shackletons Hütte am Kap Royds

Wenige hundert Meter von der Nimrod-Hütte entfernt brüten Adeliepinguine, mehr oder weniger die südlichste Kolonie, die es überhaupt gibt. Wenn nicht die südlichste, wenn nicht am Kap Barne, ein Katzensprung von hier, nicht auch nur ein paar Nester sind.

Unser vorfrühstücklicher Ausflug dauert so lange, dass wir Kollegen es gerade noch zum Mittagessen an Bord schaffen. Zum Schluss dauert es immer lange, weil der letzte Hubschrauber immer erst dann auf dem Schiff landen kann, wenn der vorletzte zusammengefaltet und verstaut ist. Hubschrauberlogistik macht man nicht mal so schnell nebenbei. Heute hat sich aber wieder jede Minute gelohnt. Kollege Pinguinspezialist, nicht gerade ein Jünger der Polarhistorie, ist da ganz meiner Meinung. Auch ohne Shackleton-Hütte wäre Kap Royds einen Besuch wert.

Mount Erebus

Nach frühem Start und langem Morgen ist es nachmittags sehr ruhig an Bord, während wir den McMurdo-Sound verlassen und nach Norden fahren. Die wenigen Tage hier sind leider schon um, kurz war es, dafür umso schöner, sonnenverwöhnt. Meile um Meile über ruhiges, offenes Wasser, Ross Island im Blick, mit allen 3 großen Gipfeln gleichzeitig: Mount Terror, Mount Bird, Mount Erebus, dieses berühmte Trio aus gletscherbedeckten Vulkankegeln. Wie oft sieht man das so schön?

Dry Valleys: Taylor Valley

Nein, wir haben den 28.1. nicht einfach verschlafen. Den gab es bei uns nicht. Datumsgrenze.

Besser als heute kann das Wetter nicht werden. Das ist die Gelegenheit für den längsten Hubschrauberflug der Reise, nämlich in die Dry Valleys. Die Ortelius liegt in New Harbour, auf der Westseite des McMurdo Sound, und drückt ihren Bug in die etliche Meilen weite Festeisdecke. Vor der Nase haben wir das Transantarktische Gebirge, diese unglaublich gewaltige Bergkette, ein grandioser Gipfel neben dem anderen, ich weiß nicht wie viele hunderte Kilometer lang vom Kap Adare bis über den Axel Heiberg Gletscher hinaus, über 80°S hinweg. Und mittendrin diese merkwürdigen Täler, wo es selbst den Gletschern zu trocken ist.

Heute haben die Piloten viel zu tun, fast 100 Menschen von der Ortelius bis zum Canada Glacier im Taylor Valley zu befördern. Nebenbei bemerkt, waren die letzten Besucher, von Wissenschaftlern abgesehen, soweit uns bekannt im Februar 2013 hier und kamen ebenfalls von der Ortelius. Es ist nicht gerade überlaufen im Taylor Valley.

Canada Glacier, Taylor Valley

Wie alles hier, so ist auch der Besuch in den Dry Valleys genauestens geregelt, es gibt nur eine kleine Besucherzone, wo wir überhaupt hin dürfen. Das ganze Tal ist ewig weite, uralte Moräne, ein buntes Freilichtmuseum der Regionalgeologie, weite Wüste. Ein kleines Schmelzwasserrinnsal läuft vom Gletscher in den natürlich gefrorenen Lake Fryxell. Vergeblich sucht man auch nur die geringste Spur von Leben, aber man müsste wohl ein Mikroskop dabeihaben, um etwas zu entdecken und würde wohl am ehesten in den kleinen Wasserläufen und Seen fündig werden, wobei man aber keine Forellen oder Lachse erwarten sollte, sondern anpassungsfähige Mikorooganismen. Dabei haben sich sogar mehrere Robben hierher verirrt, die aber hier, über 10 km von der Küste entfernt, feststellen mussten, dass es sich ohne Wasser auf Dauer nicht gut lebt. Der Zustand ihrer traurigen Überreste zeugt von heftigen Sandstürmen in dieser polaren Kältewüste.

Von den Robbenmumien und Gletschern abgesehen, kann man sich so wohl ungefähr den Mond vorstellen.

Pinguine und Schwertwale im McMurdo Sound

Das Leben tobt unterdessen an der Eiskante, wo andere mit Zodiacs unterwegs sind, der Tag ist ja lang und lässt Zeit für mehr. Mehrere Herden von Schwertwalen ziehen durch die Kanäle zwischen den großen Eisplatten, wo hier und dort Adeliepinguine in kleinen Grüppchen stehen, die wahrscheinlich sehr unentspannt die großen Rückenflossen verfolgen, die regelmäßig hier und dort auftauchen. Auch die Zodiacs erregen mehrfach die friedliche Neugier dieser beeindruckenden Räuber. Ein kleiner Spaziergang auf meterdicken, betonharten Eisschollen, den Mount Erebus immer im Blick, rundet den Tag ab.

Kap Royds

Nach diesem absolut grandiosen Nachmittag am Kap Evans waren wir gut in Schwung, also auf zum Kap Royds, nur wenige Meilen nördlich vom Kap Evans. Dort ließ sich 1907-09 Shackleton mit seiner Nimrod-Expedition nieder, nicht seine bekannteste Expedition, aber sicher seine erfolgreichste. Und die einzige, während der er eine noch sichtbare Spur in der Antarktis hinterlassen hat.

Also, schnell vorm Essen schon mal schauen, ob am Ufer alles soweit in Ordnung ist, gutgelaunt ab ins Boot – und was müssen wir sehen, Backdoor Bay ist völlig mit Eis gefüllt. Und zwar nicht nur das gute, harte Festeis, auf dem man bequem an Land spazieren könnte, sondern davor ein vom Wind zusammengeschobener Streifen kleiner Eistrümmer. Zu dicht für die Boote, zu instabil, um darüber hinweg zu laufen. Nicht hilfreich.

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Also tun wir, was man sowieso am besten immer tun sollte, und denken nicht an das, was gerade nicht funktioniert, sondern freuen uns über die schöne Landung mit viel Zeit am Kap Evans und über den Anblick des Mount Erebus, der über allem hier thront und sein berühmtes kleines Rauchwölkchen vom Krater in 3,794 m Höhe in den knallblauen Abendhimmel schickt.

Kap Evans

Kap Evans, heiliger Boden der Antarktis-Geschichte und ein wunderbar schöner Ort bei diesem Wahnsinnswetter. Basis von Scotts letzter Expedition, mit der Terra Nova. Das Kreuz erinnert an Spencer-Smith, Haywood und Mackintosh. Wer hat seine Antarktis-Hausaufgaben gemacht und weiß, bei welcher Expedition diese 3 Männer ums Leben kamen ..? Richtig, die Aurora-Expedition, das logistische Gegenstück zu Shackletons Endurance. Auch bei Sir Ernest haben also nicht immer alle überlebt, wie oft behauptet wird.

Zentrum unserer Aufmerksamkeit ist natürlich Scotts Hütte, eine Zeitmaschine, die den Besucher beim Betreten von einem Augenblick auf den anderen ein Jahrhundert zurückversetzt, in die Tage des heroischen Zeitalters der Antarktis-Entdeckung. Es riecht noch nach Robbenspeck und Heu, die Hütte scheint bereit, die Männer jederzeit wieder willkommen zu heißen, die vielleicht nur kurz unterwegs sind und jeden Moment zur Tür hereinkommen können. Die Hütte am Kap Evans ist die schönste der 4 historischen Hütten im Rossmeer, tausende von Objekten aus dem Alltag von Scotts Männern stehen noch in ihr. Später wurde die Hütte noch von Shackletons Rossmeergruppe benutzt, die Aurora-Expedition (1914-17).

eKreuz für die Toten der Aurora-Expedition von Shackleton, Kap Evans

Mount Erebus

Übrigens, Mount Erebus … 🙂
 
 
 

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Kap Crozier

Der Tag hätte heute sehr früh mit einem Zodiaccruise am Kap Crozier beginnen können, wo der Ross Eischelf auf die Ross Insel trifft. Nur heulte der Wind so ums Schiff, dass an Zodiacs kein Gedanke zu verschwinden war. Trotzdem war es interessant, das berühmte Kap einmal gesehen zu haben, wenn auch nur aus der Ferne. Neben den landschaftlichen und tierischen Eindrücken ist es die „Schlimmste Reise der Welt“ (The worst journey in the world, von Apsley Cherry-Garrard), die das Kap Crozier so berühmt gemacht hat. Ich muss diese wilde Geschichte noch mal in ein paar Zeieln zusammenfassen. Aber jetzt nicht. Jetzt muss ich rausschauen. Der Mount Erebus müsste bald in Sicht kommen, das Transantarktische Gebirge ist schon am Horizont. Wir sind unterwegs zum Kap Royds und Kap Evans. Daumen drücken, dass dort alles gut läuft.

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Ross Eisschelf

Nachdem sich gestern Nachmittag noch eine Gelegenheit zu bieten schien, den Ross Eisschelf aus der Vogelperspektive, nämlich vom Hubschrauber aus zu bestaunen, hat sich das Wetterfenster leider auch wieder geschlossen, lange bevor alle das Vergnügen gehabt hatten. Was die Nerven schon ein wenig strapazieren kann. Da ist es mitunter zu einfach zu vergessen, dass Sicherheit Vorrang hat. Wer würde das bestreiten, aus der objektivierenden Ferne heraus betrachtet?

Dafür präsentierte der berühmte Eisschelf sich heute in bester Form, im Sonnenschein mit dem einen oder anderen dekorativen Wölkchen, und so konnten wir heute das Fliegen bei guten Bedingungen fortsetzen. Es hat sich gelohnt!

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Und natürlich ist es auch sehr gut und wichtig, nun mit den Aktivitäten im Rossmeer angefangen zu haben. Das Kabinenfieber fing an, sich hier und da bemerkbar zu machen.

Bay of Whales

Scheinbar paradox, tatsächlich aber ganz normal sind die Eisverhältnisse, so wie wir sie seit vorgestern angetroffen haben: Zwischen einem äußeren Eisgürtel und dem Ross Eisschelf ist das Wasser frei, mit gut 11 Knoten ging es munter nach Süden, bis heute Vormittag dann der berühmte Ross Eisschelf am Horizont auftauchte, „the great barrier“, eine unendliche, senkrechte Eiswand, 40-50 m hoch. Der Ross Eisschelf gehört zu den erstaunlichsten Orten der Erde, vergleichbar mit nichts anderem, außer den anderen Eischelfen der Antarktis, die man aber noch weniger zu sehen bekommt. Die weitere Beschreibung überlasse ich James Clark Ross, der diesen Eisschelf am 28. Januar 1841 als erster gesehen hat:

„Als wir uns dem Land (Anm.: Ross Island) unter Segel annäherten, nahmen wir eine niedrige weiße Linie wahr, die sich von seinem östlichen Ende so weit nach Osten erstreckte, wie das Auge sehen konnte. Sie stellte eine außergewöhnliche Erscheinung dar, immer höher werdend, während wir uns ihr annäherten, und sie stellte sich als eine senkrechte Klippe aus Eis heraus, zwischen 50 und 65 Meter hoch über dem Meer, oben drauf perfekt flach und eben, ohne irgendwelche Brüche oder Vorsprünge auf seiner seewärtigen Oberfläche. Was sich dahinter erstreckte, konnten wir nur erahnen … auf ein solches Hindernis zu treffen, war für uns alle eine große Enttäuschung, denn in unserer Erwartung waren wir bereits weit über den 80. Breitengrad hinaus, und hatten dort bereits einen Treffpunkt, für den Fall, dass die Schiffe (Anm.: Erebus und Terror) sich versehentlich verlieren sollten. Es war aber ein Hindernis von solcher Art, dass ich hinsichtlich u nserer künftigen Route keinen Zweifel hatte, dass wir mit genau dem gleichen Erfolg versuchen konnten, durch die Klippen von Dover zu fahren, wie durch eine solche Masse.“ (der englische Originaltext ist natürlich viel schöner und in der englischen Fassung dieses Blogs nachlesbar).

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Als zweiter nach James Clark Ross besuchte Carsten Borchgrevink Anfang 1900 den Ross-Eisschelf und stellte fest, dass dieser seine Position seit der Expedition von Ross um 30 Meilen nach Süden verändert hatte. Auf einem niedrigen Abschnitt des Eisschelfs gelang eine Landung, indem die Southern Cross wie in einem Hafen anlegte, und bei einem kurzen Ski-Ausflug erreichte Borchgrevinks Gruppe 78°50′ südlicher Breite.

1911 landete Amundsen in der Bay of Whales, eine Einbuchtung im Schelfeis auf 164°W, und stellte sein Winterquartier Framheim auf. Framheim stand auf 78°30’S. Wir waren vorhin bei 78°32,5’S/164°54’W, also ungefähr 11 Meilen westlich von Amundsens Framheim, vor allem aber 2,5 Meilen weiter südlich, und bis zum Eisschelf war es immer noch eine Meile oder so. Heute hätte Amundsen sein Winterquartier also einige Meilen näher am Südpol bauen können, wogegen der alte Entdecker sicher nichts gehabt hätte. Tatsächlich soll der Eisschelf mit Framheim 1928 abgebrochen und ins Meer hinausgetrieben sein.

Schneeschauer drohten die Sicht zu nehmen, so dass ein Hubschrauberflug aufs Schelfeis abgesagt wurde. Überwintern wollte dann doch keiner. Stattdessen fahren wir lieber nach Westen, Richtung Ross Island (also Mount Erebus) und McMurdo Sound, und sind gespannt, was die nächsten Tage so bringen.

Eis

Die Antarktis wird ihrem Ruf als ein vom Eis beherrschter Kontinent auf hohem Niveau gerecht. Nun soll man nicht davon überrascht sein, dass es rund um die Antarktis Packeis gibt. Aber es ist wirklich ein schweres Eisjahr, und natürlich wäre es schon praktisch, wenn die Eiskarte etwas informativer wäre. Wir sind nun im nordöstlichen Rossmeer, 250 Seemeilen nordöstlich der Bay of Whales, und laut Satelliten-Eiskarte sollten wir hier einigermaßen freies Wasser haben. Aber ein Eisfeld folgt auf das andere, und wenn es auch insgesamt nicht mehr als 2/10 bis 4/10 sind (Anteil der eisbedeckten Wasserfläche), so haben wir doch immer wieder dichtgedrängte Schollen, um die wir herumkurven oder die wir durchstoßen müssen. Das ist nicht nur viel Arbeit rund um die Uhr für den Kapitän, der die ganze Nacht auf der Brücke war, und seine Steuerleute, sondern es macht uns auch nicht gerade schneller.

Gestern Abend nahm ein Schneeschauer uns für eine Weile alle Sicht, und als der Vorhang wieder aufging, war das Eis überall sehr dicht. Ein erster Hubschrauber-Aufklärungsflug über 60 Meilen in Fahrtrichtung hat immerhin ergeben, dass das Wasser fahrbar ist, aber ein Ende des Treibeises ist nicht in Sicht. Wir sind weiter gespannt.

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Aber der Weg ist das Ziel. Die Wunderwelt des Eises, einschließlich verstreuter, kleinerer Tafeleisberge, breitete sich gestern Abend im wunderbaren Licht der antarktischen Mitternachtssonne rund um uns aus. Immer wieder Kaiserpinguine auf den Schollen. Schönheit von einer anderen Welt an einem sehr fernen Ende der unseren.

Die Rossrobbe

Eigentlich würde ein einziger Satz reichen: Wir haben eine Rossrobbe gesehen! Aber ein paar weitere Sätze sind vielleicht nötig, um zu erklären, warum das eine ähnliche Wirkung hat wie die Nachricht vom Lottogewinn.

Wer nach Spitzbergen fährt, will meist einen Eisbären sehen. Das ist einfach. Man muss schon gründlich seine Polar-Hausaufgaben gemacht haben, um zu sagen: ich will noch viel lieber das Thorshühnchen sehen, oder die Elfenbeinmöwe. Das tun eher die Arktis-Feinschmecker, die wirklich wissen, welches faunistische Gewürz aus der animalischen Suppe ein tierisches Erlebnis macht.

Das ist hier ganz ähnlich. Wer in die Antarktis fährt, will Pinguine sehen, das darf man sicher pauschal so sagen. Nun will ich sicher nicht die Begegnung etwa mit einem freundlichen Eselspinguin herabwürdigen, die schon so viele Antarktis-Reisende nachhaltig zum Lächeln gebracht haben. Oder der Albatros, von dem Robert Cushman Murphy sagt, die Sichtung eines solchen habe ihn zu einem anderen, gar höheren Menschen werden lassen („I now belong to the higher cult of mortals, for I have seen the albatross“). Man mag das für übertrieben haben, aber so kann man sich nach der Begegnung mit einem seltenen Tier tatsächlich fühlen.

Das seltenste Tier der Antarktis ist die Rossrobbe. Und nach Dutzenden von Antarktisreisen über 14 Jahre hinwg, einschließlich der Rossmeerfahrt vor 2 Jahren, habe ich heute meine erste Rossrobbe gesehen. Natürlich ging das so ziemlich allen an Bord so, die Kollegen mit eingeschlossen, und die sind ja schon weiß Gott wie lange hier unterwegs. Don, der Chef, war zum ersten Mal mit Mawson in der Antarktis, glaube ich. Muss wohl so sein. Dennoch hat diese Sichtung die Anzahl seiner Rossrobben-Erlebnisse verdoppelt.

Man schätzt, dass es von der Rossrobbe etwa 130000 Exemplare sind, ganz grob. Das ist nicht viel. Das ist sogar sehr wenig. Wenn man sich überlegt, über welche unendlichen Gebiete sich diese Bevölkerung einer Mittelstadt verteilt. Theoretisch kann man sie rund um die Antarktis finden, den Büchern zufolge sogar an der Küste der Antarktischen Halbinsel, aber davon habe ich noch nie etwas gehört. Das Rossmeer, das hört sich schon so nach Rossrobbe an, hier findet man sie, oder gar nicht. Dafür muss man wohl die lange Reise ins Rossmeer machen, um diesen Schatz zu finden. Und nachdem die Rossrobbe gestern achtern zurückblieb und alle strahlend an Deck standen, meinte mehr als einer, die Reise habe sich doch schon gelohnt. Nun, natürlich wollen wir noch mehr erleben in den nächsten Tagen, aber das ist schon ein sehr, sehr dicker Eintrag auf der Habenseite.

Übrigens, wir haben sowohl unseren ersten Kaiserpinguin als auch die Rossrobbe einem Passagier zu verdanken, Nick aus den Niederlanden, der Adleraugen und viel Ausdauer hat. (schon fast entschuldigend muss man ergänzen, dass wir Guides mit Vorbereitungen für die Hubschrauber-Trockenübung beschäftigt haben).

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Von den antarktischen Robben ist die Rossrobbe die kleinste, und recht auffällig in ihrer Körperform mit dem unproportional kräftig wirkenden Hals, auch die Musterung des Fells ist eindeutig. Sie ist leicht zu erkennen, sobald man sie vernünftig im Fernglas hat. Als sie auf ihrer Eisscholle neben dem Schiff lag, brauchte man auch kein Fernglas mehr.

Kaiser

Natürlich fährt man nicht ohne Hoffnungen und Wünsche auf eine große Reise. Und natürlich teilen hier viele die Interessen. Wohl kaum ist hier jemand, bei dem der Kaiserpinguin nicht ganz oben auf der Wunschliste steht. Klar, dass die die Chancen und damit auch die Spannung steigen, sobald Eis in Sichtweite ist. Die Ferngläser sind derzeit hier viel in Gebrauch.

Gestern Abend dann der große Moment – der erste von mehreren großen Momenten! – die einen gemütlich in der Bar, die anderen im Bordkino, aber ein paar Leute mit Ausdauer und guten Augen auf der Brücke. Augenblicke später alle draußen im kalten Wind, um den Kaiser in seinem ureigenen Reich zu bewundern. Ein einsamer, juveniler Kaiserpinguin, also noch nicht voll ausgefärbt, die später kräftig hellgelben Flecken seitlich am Hals noch recht weißlich-grau. Das Kaiserreich bestand einer ziemlich überschaubaren Eisscholle.

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Immer wieder toll zu erleben, wie so etwas die Stimmung im gesamten Schiff schlagartig verändert.

Eis

Nach vielem Abwägen und langen Überlegungen haben wir jetzt Kurs nach Südwesten, direkt ins Rossmeer hinein. Auf dieser Route scheint sich das Eis in den letzten Tagen soweit gelockert zu haben, dass es einen Versuch wert erscheint. Was genau draus wird, weiß derzeit niemand, es ist wirklich spannend, mit Expeditionscharakter. Das Rossmeer macht es uns dieses Jahr nicht gerade einfach. Entscheidend wird noch die Frage sein, was die Spirit of Enderby, die von Neuseeland im westlichen Rossmeer nach Süden fährt, für Eisbedingungen vorfindet. Idealerweise würden wir dort nämlich wieder herausfahren, demnächst. Hinein ins Eis ist die eine Sache. Wieder heraus die nächste. Wir wollen auch gerne wieder heraus, und zwar nicht irgendwann. Wir sind nicht die Fram (und ich denke jetzt nicht an Hurtigruten). Schade eigentlich … aber wir haben unsere Rückflüge alle schon gebucht.

Vielleicht kommen wir in ein paar Tagen Richtung Bay of Whales. Dort legte vor über 100 Jahren Amundsen mit der Fram am Schelfeis an, baute seine Hütte Framheim, überwinterte und marschierte schnurstracks zum Südpol, schnappte ihn Scott vor der Nase weg. Framheim lag auf dem Schelfeis und existiert natürlich schon lange nicht mehr. Trotzdem, diese Koordinaten anzusteuern wäre natürlich schon grandios. Vielleicht. Wir werden sehen, wir werden sehen … (sagte Amundsen).

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Viele offene, kleine Treibeisfelder heute, dazwischen kleinere Tafeleisberge und viel offenes Wasser. Sehr gut, so machen wir ordentlich Meilen. Dutzende von Schneesturmvögeln – Symboltiere für die Antarktis wie der Kaiserpinguin, nur weniger bekannt, aber mancher Vogelkundler würde sehr viel dafür geben, auch nur einmal einen einzigen Schneesturmvogel zu sehen. Wie gesagt, wir haben sie heute mehrfach zu Dutzenden ums Schiff gehabt.

Eis

Seit Tagen beobachten wir schon mit viel Spannung die Eiskarte. Was nach ein paar schön bunten Quadratzentimetern aussieht, sind tatsächlich hunderte Meilen Treibeis, das sich im Rossmeer erstreckt, vor allem im nördlichen Rossmeer. Gelb ist nicht vitaminreiche Zitrone, sondern halb offenes Wasser. Violett ist keinesfalls Heidelbeere, sondern eine geschlossene Packeisdecke, viel härter als eine schwarzbraune Haselnuss und ganz und gar ungenießbar.

In der Arktis schwindet das Eis, in der Antarktis schlägt es Rekorde. Das Rossmeer hat viel Eis diesen Sommer.

Das hält uns alle hier auf der Ortelius seit Tagen in Atem, alle beugen sich regelmäßig über die Eiskarten, verfolgen die Entwicklung, diskutieren, was all die Farben für uns bedeuten können. Der Grad der Erfahrung, mit der das an Bord diskutiert wird, variiert, wie auch die von Shackleton so gepriesene Geduld. Die Eiskarten sind immer grob, oft enthalten sie Fehler, und was sich in den nächsten Tagen tut, wissen auch die Satelliten nicht.

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Apropos Shackleton. Am 20. Januar 1914 saß die Endurance im Weddell-Meer im Eis fest. Das ist genau heute vor 100 Jahren.

So bleiben wir gespannt. Die ersten Eisschollen driften um das Schiff herum. In der Sonne ein wunderbarer Anblick.

Amundsen See

18.-20. Januar 2015 – Wie Shackleton schon sagte, die wichtigste Eigenschaft für Polarfahrer ist Geduld. Und wenn es hier natürlich nicht um einen antarktischen Winter in einer kleinen Hütte geht, wo alle monatelang zusammen um einen Tisch sitzen, sondern nur um einige Tage auf See, so reicht das doch völlig aus, um die Uhren langsamer gehen zu lassen. Manchem fällt das vielleicht gar nicht leicht, aber ich glaube, die meisten genießen es. Zuhause stehen viele ständig unter Strom, immer erreichbar, Dauerstress. Wann hat man den Luxus, stundenlang dem Wind hinterherschauen zu können, darauf wartend, dass gelegentlich einer der nun selteneren Kap- oder Riesensturmvögel vorbeizieht? Sogar ein Wanderalbatros wurde neulich zu früher Stunde gesichtet, fernab der Konvergenz, aber diesen ewigen Wanderern ist ja kein Weg zu lang.

Jeder Tag ist anders. Einen Tag war der Wind kräftig genug, um den einen oder anderen Magen von seinem Inhalt zu befreien, ein Tag war grau, rund ums Schiff schien kaum noch eine Welt zu existieren. Einen Tag, es war nach Verlassen von Peter I Island, hatten wir einige Sichtungen von Schwertwalherden. Heute früh brachen die Rücken von Zwergwalen durch die Wellen, wie um ein paar der eher seltenen Sonnenstrahlen einzufangen.

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Natürlich gibt es diverse Vorträge und Filme. Michael erklärt die verschiedenen Schwertwal-Subtypen und Victoria erzählt die Geschichten aus heroischen Antarktis-Zeiten. Geschichten? Heldentaten! Das sind nur ein paar Beispiele, wir haben eine Menge Stoff auf Lager. Aber ich muss mich hier mal öffentlich über Victoria Salems historische Vorträge begeistern. Man müsste eine Fernsehserie daraus machen. Ich, sonst sicher kein Fernseh-Junkie, würde einschalten. Hochfrequente Satzkunstwerke, in jedem Nebensatz eine gehaltvolle Pointe, in 40 Minuten gefühlt der Inhalt mindestens eines gut recherchierten Buches. Ich freue mich auf mehr 🙂

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News-Auflistung generiert am 17. Oktober 2017 um 00:02:44 Uhr (GMT+1)
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