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Ushuaia-Antarktis-Neuseeland

Teil 3 von 4: Das Rossmeer

Rossmeer 2013: Karte zum Reisebericht

Das berühmte Rossmeer war sicherlich des Pudels Kern unserer antarktischen Odyssey. Erste, umwerfende Eindrücke sammelten wir vom Hubschrauber aus an der Küste des Victoria Landes, der Westküste des Rossmeeres, bei der Coulman-Insel. Treibeis und weite Gletscherflächen von oben – fantastisch schön! Anschließend konnten wir, vom Treibeis nun nicht mehr weiter behindert, Kurs auf Ross Island und McMurdo Sound setzen. Für uns nun das gelobte Land!

In diesem gelobten Land fließen Milch und Honig aber nicht, sondern sie würden, wenn es sie gäbe, zu betonharten Massen gefrieren. Die Zodiaclandung am Cape Evans gehört sicher zu meinen kältesten Erlebnissen auf Schiffsreisen, und das will schon etwas heißen. -14°C mögen für sich genommen ja nicht viel bzw. wenig sein, aber bei gut 30 Knoten Wind ist es gefühlt mehr als doppelt so kalt. Der Job des Stiefelputzers ist dabei nicht gerade der angenehmste, aber wichtig ist er: Die alten Hütten sind streng geschützt, es darf immer nur eine bestimmte, überschaubare Anzahl von Personen hinein und Dielen abschleifender Sand muss draußen bleiben. Also wurde ungeachtet aller Minusgrade draußen vor der Tür fleißig gebürstet.

Der Moment, in dem ich als erster Scotts Hütte am Cape Evans auf der Ross Insel betreten durfte, wird für mich immer zu den schönen Erinnerungen meiner Polarfahrten zählen. Die Hütte sieht fast so aus, als wären Scott und seine Leute gestern erst fortgegangen: In den Regalen stehen noch die Konserven – alles very English – in den Betten liegen noch die Rentierfellschlafsäcke („inside-outside“, falls Sie wissen, was ich meine 🙂 und der Labortisch ist noch voll mit Reagenzgläsern und allem möglichen Gerät. Während draußen der Wind heult, verschlägt der Hauch der Geschichte uns drinnen den Atem.

Uns ist nach ein paar Stunden in unseren modernen Klamotten sehr, sehr kalt, und hier ist jetzt Sommer! Wie Scott und seine Leute die Reisen in dieser Gegend im Winter geschafft haben, ist mir schleierhaft – nun, letztlich haben sie es ja auch nicht geschafft, sondern sind kurz vor dem Zwischenziel, einem Lebensmitteldepot, während eines andauernden Sturms im Zelt erfroren und verhungert. Die Geschichten wurden an Bord natürlich bereits in allen Details erzählt.

Wir sind also nachgewiesenermaßen Weicheier, indem wir froh sind, wieder auf ein geheiztes Schiff zurückkehren zu können. Gut, hätte es die Chance gegeben, länger in der Hütte zu bleiben, gar dort zu übernachten … geht aber nicht.

Ein weiteres geheiligtes Stück Boden der Polargeschichte steht nur wenige Meilen weiter nördlich, am Cape Royds. Dort hat Shackleton während seiner Nimrod-Expedition Quartier bezogen. Sein von dort aus erfolgter Vorstoß zum Südpol ist bekanntermaßen knapp gescheitert, immerhin kamen Shackleton und seine Leute erst dem Pol sehr nahe und dann lebendig wieder nach Hause und konnten sich später noch ein weiteres Mal am Südpol versuchen, dann vom Weddell Meer aus mit der berühmten Endurance. Unser erster, spätabendlicher Versuch, das Cape Royds zu besuchen, schlägt fehl: Nur mühsam ist das dichte Eis mit den Schlauchbooten zu durchfahren, und sobald wir Kollegen auf dem Eis der noch fest zugefrorenen Bucht sind, schiebt der Wind den Gürtel kleiner Eisstücke noch dichter zusammen. Nur nach einem längeren Umweg gelangen wir an eine Stelle, von der aus wir das Ufer problemlos verlassen können.

Einige Stunden später hat der Wind aber erneut gedreht und zudem nachgelassen. Unerwarteterweise klopft es nach nur wenigen Stunden Schlaf kräftig an der Tür, und kurz darauf stehen wir – die Vorhut – unausgeschlafen, leicht frierend und mit wenig bis gar nichts im Magen (aber sehr zufrieden mit dem Stand der Dinge!) an der Gangway und kurz danach auf dem Eis der Bucht. Dieses Mal zeigt das Cape Royds sich von seiner zugänglicheren Seite, und bald darauf stehen wir vor der Hütte, die der heilige Gral aller Shackleton-Afficionados sein sollte: In dieser schlichten, aber schönen Hütte haben Sir Ernest und seine Leute gehaust, nur wenige 100 Meter von der südlichsten Adeliepinguinkolonie der Welt entfernt. Shackleton ist schon lange Geschichte, die Pinguine sind noch da. Das Innere der Hütte versetzt uns Besucher kurz, aber emotional intensiv ins frühe 20. Jahrhundert zurück, ins heroische Zeitalter der Antarktis-Entdeckung …

Es ist und bleibt windig, aber die Wolkendecke hat sich gehoben, und so packen wir nachmittags die Gunst der Stunde. Das Schiff an der Festeiskante auf der Westseite des McMurdo Sound sicher geparkt, treten wir mittels eines kurzen Hubschrauberfluges ein in eine Welt, die kaum noch Teil des uns vertrauten Planeten Erde zu sein scheint: Die McMurdo Dry Valleys. Durch geologische Hebung sowohl vom Inlandeis als auch vom (ohnehin meist zugefrorenen) Meer weitgehend abgetrennt, hat sich hier über Jahrmillionen ein Klima extremer Trockenheit entwickelt und damit eine in unseren Augen weitestgehend still, tot und zeitlos erscheinende Landschaft. Die Gletscher sind hier mangels Niederschlag und Wärme so langsam, dass selbst die wenige, vom Boden ausgehende Strahlung senkrechte Klippen ins Eis frisst – etwas, was ich sonst nur von Gletschern kenne, die am Meeresufer enden und Eisberge ins Wasser kalben lassen. Hier gibt es steile Eisklippen auf trockenem Grund. Auf den ersten Blick meint man vielleicht noch, in den wüstenhaften Bereichen im Nordosten Spitzbergens ähnlich karge Landschaften gesehen zu haben, aber dort wachsen Flechten auf den Steinen, Moose darunter und nach einigen Schritten entdeckt man doch immer den einen oder anderen einsamen Steinbrech oder Mohn. Nicht so in den Dry Valleys: gleich wieviele Steine ich betrachte, nicht die geringste Spur von Leben. Solches zeigt sich hier nur Wissenschaftlern, die mit Lupe und Mikroskop suchen.

Die logistischen Umstände brachten mir und ein paar Kollegen das Privileg, immerhin etwa 10 teilweise sehr stille Stunden im Taylor Valley verbracht zu haben, bis hinein in die wirklich goldenen Abendstunden. Das ist nicht viel, aber viel mehr, als den allermeisten anderen Menschen vergönnt ist, wenn überhaupt. Unter meinen vielen Polar-Erinnerungen wird das Taylor Valley immer einen prominenten Platz einnehmen! Einschließlich der auf Dauer doch beeindruckenden Kälte dieses schönen, nur mäßig windigen antarktischen Sommertages. Gut, ich habe die Stunden auch größtenteils auf diesem zugigen Hügel mit der schönen Aussicht verbracht.

Am nächsten Tag wollten wir zunächst allen die Gelegenheit geben, auf dem Festeis des McMurdo-Sound einen kleinen Spaziergang zu machen. Während wir Guides schon unterwegs waren, um auf dem Eis einen sicheren Bereich mit Fähnchen abzustecken, zeigte sich allerdings, dass das Eis zu fest war, um das Schiff sicher darin zu parken, und zu brüchig, um länggseits zu gehen: Immer wieder brachen große Platten ab. Daher musste die Aktion leider irgendwann abgebrochen werden. Wir wollten uns ja nicht auf dutzende einzelne Eisschollen im Rossmeer verteilen! Ein günstiger Wink des Schicksals wollte es allerdings, dass wir Glücklichen, die wir auf dem Eis standen und dem Schiff beim Manövrieren zusahen, plötzlich Besuch von 2 sehr neugierigen, freundlichen Kaiserpinguinen erhielten. Wohl wissend, dass man uns vom Schiff nicht ganz neidlos beobachtete, haben wir unser antarktisches Glück in vollen Zügen genossen – was hätten wir auch sonst tun sollen …

Der Nachmittag brachte den krassen Gegensatz zu all diesen Naturschönheiten. Die US-amerikanische Station McMurdo Base ist ein Schandfleck der Zivilisation inmitten der antarktischen Natur, anders kann man es wohl kaum sagen. Weniger ins Auge fallend, aber nicht weniger beeindruckend ist die Bürokratie: Wir dürfen ohne offizielle Begleitung nicht einmal die 100 Meter zum Supermarkt gehen – man könnte ja von einem der in der Tat zahlreichen Riesenvehikel überfahren werden. Wer schon mal woanders erfolgreich eine Straße überquert hat, wird sicher auch die doch vergleichsweise geringe Verkehrsdichte von McMurdo Base meistern, aber soviel traut man uns Touristen nicht zu. Auch die Inanspruchnahme postalischer Dienstleistungen scheint die Infrastruktur zu überfordern und steht somit nicht zur Verfügung. Klar, wenn man sich ansieht, was hier sonst so für Massen an Mensch und Material zwischen Neuseeland, McMurdo und Südpol hin- und hergeschoben werden …

Man könnte wohl bestens auf den Besuch von McMurdo Base verzichten, wenn die US-Amerikaner in einem Anfall von historischer Sensibilität ihre Station nicht direkt neben Hut Point errichtet hätten, und das ist ein weiterer heiliger Gral der Polarhistorie: Hier nämlich hat Scott sich während seiner Discovery-Expedition (1901-1904) niedergelassen. Scotts alte Hütte bei Hut Point ist zwar bei weitem nicht so schön gepflegt und atmosphärisch wie die Hütten am Cape Evans und Cape Royds, sie ist aber dennoch ein wichtiger Dreh- und Angelpunkt in der Geschichte der Eroberung des Südpols. Also, auf die Knie …
Und spätestens die Aussicht vom Observation Hill über den inneren McMurdo Sound und Ross Eisschelf entschädigt für die unerfreulichen Eindrücke, die von der US-Station bleiben.

Der straffe Zeitplan bringt leider mit sich, dass wir wohl oder übel am nächsten Tag, dem 07. Februar, den Bug nach Norden wenden müssen. Die frühen Stunden vor dem Frühstück nutzen wir noch, um uns eines der großen Naturwunder dieser Erde anzuschauen: Die „Great Ice Barrier“, die etwa 800 Kilometer lange Kante des Ross Eisschelf, so wie sie sich von Ross Island nach Osten erstreckt. Gut 30 Meilen lang folgen wir der ewig langen Abbruchkante, ein kleiner Hauch von der Unendlichkeit der Antarktis. Die entfernter gelegenen Bereiche werden von der Luftspiegelung scheinbar angehoben und flimmern in der Luft vor dem orangefarbenen Morgenhimmel. Nicht minder beeindruckend ist auch die Kälte dieses antarktischen Hochsommertages: -14 Grad bei kräftigem Wind laden nicht gerade zum Frühstück an Deck ein. Den Rest des Tages verbringen die meisten damit, dringend benötigten Schlaf nachzuholen.

Rossmeer (Galerie)

Klicken Sie auf die Bilder, um eine vergrößerte Darstellung des Bildes zu erhalten.

Panorama: Rossmeer, Ross Insel – Kap Evans

Die Hütte am Kap Evans auf der Soss Insel ist geheiligter Boden der Polargeschichte. Sie wurde während Scotts letzter Expedition mit der Terra Nova (1910-13) gebaut. Scott und 4 weitere Männer erreichten den Südpol am 17. Januar 1912, etwa 5 Wochen nach ihrem norwegischen Konkurrenten Roald Amundsen. Auf dem Rückweg starben Scott und seine Begleiter in ihrem Zelt während eines tagelangen Schneesturms an Kälte, Erschöpfung und Hunger, nicht weit von einem Depot entfernt. Dieses letzte Lager wurde von anderen Expeditionsteilnehmern im November 1912 gefunden. Die Tagebücher wurden geborgen und veröffentlicht, sie sind noch heute wichtige Quellen und packender Lesestoff für Polarbegeisterte.

Cape Evans – 1/5

Cape Evans – 2/5

Cape Evans – 3/5

Cape Evans – 4/5

Cape Evans – 5/5

Panorama: Cape Royds

Die Hütte am Kap Royds wurde von Ernest Shackleton während seiner Nimrod-Expedition (1907-09) als Basislager errichtet. Im Oktober 1908 begannen Shackleton und 3 weitere Männer, darunter Frank Wild, den Marsch zum Südpol, mussten aber wegen Nahrungsmittelmangel 180 km vor ihrem Ziel umkehren. Während der Expedition wurde u.a. der Mount Erebus erstmalig bestiegen.

Panorama: Hut Point

Die Hütte am Hut Point wurde während Scotts Discovery-Expedition (1901-04) gebaut. Dieser erste Versuch von Scott, zum Südpol vorzustoßen, war wenig erfolgreich, die dreiköpfige Polgruppe, zu der neben Scott auch Ernest Shackleton gehörte, kam nicht über das Ross Schelfeis hinaus. Scott machte wichtige Erfahrungen mit verschiedenen Fortbewegungsmitteln, darunter auch Ponys, aus denen er für seine letzte Expedition allerdings nicht die notwendigen Konsequenzen zog. Die Hütte wurde auch später noch mehrfach genutzt, so während Shackletons Nimrod-Expedition (Hauptquartier: Cape Royds) und während Scotts letzter (Terra Nova) Expedition (Hauptquartier: Cape Evans). Heute leidet die historische Atmosphäre der Hütte am Hut Point deutlich unter der direkten Nähe zur US-amerikanischen Station McMurdo Base.

Hütte am Hut Point – 1/2

Hütte am Hut Point – 2/2

Panorama: McMurdo Dry Valleys – Taylor Valley

Die sogenannten Dry Valleys (Trockentäler) westlich des McMurdo Sound im Rossmeer gehören zu den großen landschaftlich-naturkundlichen Besonderheiten der Antarktis. Dabei handelt es sich um die größten, weitgehend unvergletscherten Landgebiete der Antarktis. Der Grund dafür ist die extreme Trockenheit. Der Wind bläst Schnee in geringen Mengen durch die Täler, aber echten Niederschlag gibt es so gut wie gar nicht. Die Täler sind so gut wie völlig tot, unter diesen extremen Bedingungen konnte sich nur eine für das bloße Auge unsichtbare mikrobielle Flora und Fauna entwickeln, die vor allem in den wenigen Schmelzwasserseen lebt. Diese sind teilweise hypersalin (extrem salzig). Ab und an verirren Robben sich vom McMurdo Sound aus in diese Täler und verenden nach vielen Kilometern weit weg von der Küste, ihre von Kälte und Wind getrockneten und zerfressenen Mumien liegen dort seit Jahrhunderten und Jahrtausenden.

Touristische Besucher dürfen ausschließlich einen kleineren Bereich des Taylor Valley in der Nähe des Canada Glacier betreten. Dieser Bereich liegt weit weg von der Küste und ist daher nur mit Hubschraubern erreichbar.

Zur Bildergalerie:
Antarktische Halbinsel    Peter I Insel, Amundsen-See    Rossmeer    Scott Insel – Macquarie Insel – Neuseeland

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Letzte Änderung: 31. Mai 2016 · Copyright: Rolf Stange
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