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Jahres-Archiv: 2015 − Reiseblog


Neuseeland

09.-10. Februar 2015 – Nun liegt das Ende der Reise schon eine Woche zurück, einen letzten Blog-Beitrag muss es aber noch geben, wir können die Ortelius ja nicht bei Campbell Island zurücklassen.
 
 

Stewart Island

Am 09. Februar erfreute der Anblick der sanft rollenden Hügel von Stewart Island, am zunächst am Horizont und dann langsam aber sicher näher rückend, die Augen aller, und das war wohl auch das Signal für die Albatrosse, sich gegen Mittag stillschweigend von uns zu verabschieden. Übrigens waren in den letzten Tagen auch noch Weißkappenalbatrosse darunter. Zugegeben, ich hatte sie zunächst für juvenile Campbell-Albatrosse gehalten. So was passiert. Aber nein, es waren voll ausgewachsene Vertreter einer Art, die ich noch nicht gesehen oder zumindest noch nie bewusst wahrgenommen habe. Wunderbar!

Weißkappenalbatros

Das Ende einer großen Reise ist ja immer erstaunlich profan. Pässe werden gestempelt (dauerte erstaunlich lange), Gepäck vom Schiff aufs Trockene gebracht (ging halbwegs schnell), Hände geschüttelt (zuwenig Zeit), und dann gefühlt unendlich viele schwere Lebensmittelkisten für die nächsten 32 Tage in den tiefen Bauch des Schiffes geschleppt (dauerte viel zu lange). Momente der Entspannung in einem Café, welches der südlichste Außenposten seines global bekannten Mutterkonzerns sein will, in Invercargill (ein Nest) und in einer Kneipe in Bluff (dagegen ist Invercargill eine Großstadt) mit den Kollegen. Einen Tag später der Beginn einer ätzend langen, aber leider unvermeidlichen Reihe von Flügen, einmal halb um den Planeten.

Unterdessen ist die Ortelius schon wieder unterwegs, und nun, ein paar Tage später, ist sie auf gutem Weg ins Rossmeer. Campbell Island war auf dem Weg nach Süden freundlicher als ein paar Tage zuvor auf dem Weg nach Norden, soviel war schon zu hören. Nun bleibt nur, dem Schiff und allen an Bord die Daumen zu drücken für eine gute, erlebnisreiche Fahrt ins Rossmeer und darüber hinaus!

Ortelius, Bluff

Das war’s vorerst mit meinem Antarktis-Reiseblog. Nicht lange, dann geht es in der Arktis weiter. Vorerst aber gibt es jetzt den Reisebericht und ausführliche Fotogalerien dieser Rossmeer Fahrt, und natürlich werden in den nächsten Wochen ein paar Ergebnisse meiner panorama-fotografischen Bemühungen sichtbar werden, und ich sage: es wird sich lohnen. Anfang 2013 hatte die Polar-Panoramafotografie für mich im Rossmeer ihren etwas mühsamen Anfang genommen, aber die 2 Jahre habe ich gut genutzt. Also schaut rein. Nach der Fahrt ist vor der Fahrt.

Danke fürs Lesen!

Rolf

Meer der Albatrosse und des Windes

Falls die Überschrift bekannt vorkommt: Das soll so sein, das passt hier einfach zu gut. Unsere frühmorgendlichen Annäherungsversuche bei Campbell Island waren klar zum Scheitern verurteilt, Windgeschwindigkeiten von 40-50 Knoten ließen es nicht einmal zu, sich mit dem Schiff mehr als nur kurz in Perseverance Harbour aufzuhalten, der einzigen richtigen Bucht dort, die vor Seegang schützt, den Westwind aber kanalisiert und somit eher noch verstärkt. Es konnte keine Rede davon sein, Anker zu werfen oder gar die Zodiacs aufs Wasser zu setzen.

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Angesichts bereits etwa 30 windigen Stunden Aufenthalt bei Campbell Island, auslaufender Zeit und einer wenig Erfolg verheißenden Wettervorhersage war der Fall damit klar: Ab auf hohe See, Kurs auf Bluff, unseren Zielhafen in Neuseeland. Campbell Island war uns einfach nicht vergönnt. Oder, wie eine Mitreisende es so schön und treffend formulierte (eigene Übersetzung): eine Insel hat das Recht, ’nein‘ zu sagen.

Der Tag auf See war einigermaßen achterbahnartig, wenn man von Wasserstraße sprechen kann, dann hat diese Straße eine Menge Schlaglöcher. Rocks on the Road. Aber wer hier wohnt, fährt auch nicht Auto oder Fahrrad und geht schon gar nicht zu Fuß. Wer hier wohnt, wurde von der Natur mit eleganten und hochausgeklügelten Flügeln ausgestattet und hat überhaupt kein Problem damit, gelassen zentimeterdicht über Wellen hinwegzugleiten, die anderen die Lust aufs Frühstück vergehen lassen. Mehr als ein Dutzend riesiger Königsalbatrosse kreist gemächlich um das Schiff herum, um alle paar Minuten erneut dicht an denjenigen vorbeizugleiten, die sich für das Schauspiel begeistern und wie angeschraubt an Deck stehen. Alle paar Minuten gehen Blicke und Kameras hoch, wenn die großen Könige oder ihre etwas kleineren Verwandten (Untertanen?) auf ihren weiten Umlaufbahnen, scheinbar Keplers Gesetzen gehorchend, an unserem kleinen Planeten name ns Ortelius vorbeirauschen.

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Für ein paar goldene Momente ist dieses Vergnügen abends sogar vor der hinter einer tiefen Wolkenbank verschwindenden Sonne zu haben.

Insel der Albatrosse und des Windes

Der Südozean – das hört sich so nach Südsee an – das sind die brüllenden Vierziger, die wilden Fünfziger und die schreienden Sechziger. Auf deutsch hört sich das wohl ziemlich komisch an, man denkt da vielleicht eher an einen etwas außer Kontrolle geratenenen Männergesangsverein als an die windigsten Breitengrade des Planeten. Bei den roaring forties, den furious fifties und den screaming sixties weiß man gleich Bescheid.

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Heute röhren die Vierziger wie die Hirsche im herbstlichen Wald, das ist an sich schon ein Spektakel. Natürlich konnte so keine Rede davon sein, entlang der wilden Klippen von Campbell Island auf Zodiactour zu gehen, auf der Suche nach Gelbaugen- und Felsenpinguinen und den diversen Albatrossen und Seelöwen, die es hier so gibt, geschweige denn, an Land zu gehen. Wie war das mit dem Berg und dem Propheten … Albatrosse zu Dutzenden ums Schiff herum, und geduldiges Warten wurde über kurz oder lang auch mit dem Anblick eines vorbeiplanschenden Gelbaugenpinguins und eines über die Wellen springenden Seelöwen belohnt. Habe ich jemals schon soviele der Großen Albatrosse auf einem Fleck gesehen? Ich glaube kaum. Zeitweise über 20 der „Großen“, darunter versteht man Wander- und Königsalbatrosse. Wahrscheinlich waren es allesamt Könige.

Gelbaugenpinguin

Kaum weniger interessant war der Blick auf den Windmesser. 40-50 Knoten, also 70-90 km/h, reichen eigentlich völlig aus. Spannend waren die Böen. Bis zu 84 Knoten wurden beobachtet, das sind gut 150 km/h. Windstärke 12 auf der berühmten Beaufort-Skala fängt bei 64 Knoten an, darüber hinaus ist nichts mehr definiert. Ab 64 Knoten heißt das Orkan. Wie gesagt, 84.

Campbell Island

Hier drücken jetzt alle die ganze Nacht lang alle Daumen, dass es bis morgen früh ein wenig ruhiger wird. Dann stehen wir nämlich kurz nach Sonnenaufgang auf Campbell Island. Wäre doch noch etwas, so als Sahne auf dem Kuchen.

Albatrosbreiten

04.-05. Februar 2015 – Es war klar, dass es nicht ewig so schön ruhig bleiben würde. Nun, beschweren können wir uns nicht, der Wind kommt aus südlicher bis südwestlicher Richtung, so dass er uns nicht verlangsamt und somit keine wertvolle Zeit kostet. Zeit ist immer ein Schlüsselfaktor auf einer solchen Reise. Aber man merkt jetzt doch, dass wir auf einem Schiff sind. Einige sind begeistert von den großen Wellen, andere weniger.

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Wer sich warm einpackt und draußen steht – das Achterdeck auf Ebene 4 ist mit Abstand der beste Platz, um Vögel zu sehen zu zu fotografieren, dort trifft man sich – bekommt eine Menge geboten. Wir sind wieder in den Albatrosbreiten, den furious fifties, die ihrem Namen nun eine gewisse Ehre machen. Bullers Albatros, Wanderalbatros, Südlicher Königsalbatros, Campbell-Albatros, Rußalbatros, habe ich einen vergessen? Dazu diverse Feensturmvögel, die omnipräsenten Kapsturmvögel und andere, deren Namen ich auf deutsch gar nicht kenne: Soft-plumaged petrel, Mottled petrel, Shearwater … man bekommt hier eine Menge geboten. Glücklich, wer einen Feensturmvogel (Prion) scharf aufs Bild bekommt.

Auf See

02.-03. Februar 2015 – Einen Tag brauchen wir, um das Packeis nördlich von Kap Adare zu durchfahren, insgesamt stellt sich das alles recht unproblematisch heraus. Wenn man das mit den 43 Tagen vergleicht, die die Antarctic 1895 brauchte, um das Kap Adare von Norden zu vergleichen … ich weiß der Vergleich ist unfair, Kapitän Kristensen hatte keine Eiskarten, keinen Stahlrumpf und keine 3200 Kilowatt im Maschinenraum. Trotzdem, man sollte das im Kopf haben, um sich klar zu machen, in was für einer Umgebung wir hier sind.

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Das Wetter meint es gut mit uns. Windstill und sonnig ist es, eine Kreuzfahrt im Südozean, man steht an Deck, lässt es sich gut gehen, in der Hand eine Tasse, die Kamera über die Schulter hängend. So lässt es sich leben. Mal schauen, wie lange es so bleibt.

Kap Adare

Am Kap Adare wird aus der Rossmeerküste die Küste der Ostantarktis. Ein hoher Felsrücken, der sich in den Südozean hinausschiebt. Kein Wunder, dass an einem solchen Hindernis alle Winde, Wolken und Treibeisfelder der gesamten Umgebung hängenbleiben, und davon gibt es ja eine ganze Menge.

Man muss also auf alles eingestellt sein, wenn es in diese Richtung geht. Das Beste hoffen, auf das Schlechteste eingestellt sein, so haben es die Polarfahrer schon immer gemacht, jedenfalls diejenigen, die wussten, worauf sie sich einließen, und daran hat sich bis heute nichts geändert.

Zugegeben, ich hatte trotzdem große Hoffnungen an eine erfolgreiche Landung, als das Kap Adare am Horizont auftauchte. Einer der bekanntesten Namen der Antarktis, geographischer Torwächter zum Rossmeer, am 11. Januar 1841 von keinem geringeren als James Clark Ross entdeckt, und schon dieser alte Haudegen kam dort nicht an Land. (wieder findet sich das englische Original im englischen Blog, sprachlich lesenswerter als meine Übersetzung) „ … mit auflandigem Wind, und kräftiger Brandung an der Eiskante, fanden wir es ziemlich unpraktikabel.“ Aber die Landschaft gefiel ihm: „Es ist ein bemerkenswerter Anblick hoher, dunkler, vermutlich vulkanischer Klippen, und bildet einen starken Kontrast zur übrigen, schneebedeckten Küste. … Es war ein wunderbar klarer Abend, und wir hatten den bezauberndsten Blick auf die zwei großartigen Bergketten, deren luftige Gipfel, perfekt mit ewigem Schnee bedeckt, bis in Höhen zwischen sieben und zehntause nd Metern über das Meer reichten. Die Gletscher, welche die dazwischenliegenden Täler füllten, stießen vielerorts viele Meilen ins Meer vor und endeten in hohen, senkrechten Eiswänden. An einigen Stellen traten Felsen durch das Eis hervor, und nur daher konnten wir sicher sein, dass Land den Kern dieses, wie es schien, enormen Eisberges bildete.“

Kap Adare

Wie unglaublich war es, als sogar die leichte Brise abflaute, während wir uns dem berühmten Kap näherten – und zwar unter einem makellos blauem Himmel. Von den paar Leuten, die ich kenne und die dort schon einmal waren, wird das keiner glauben. Nur ein dichter Packeisgürtel noch zwischen der Ortelius und der dunklen Halbinsel, also werden die Hubschrauber startklar gemacht. Wenn der alte Ross das gesehen hätte!

Die Ufer am Kap Adare sind Steilklippen, die eigentliche Landestelle ist eine kleine, flache Halbinsel westlich davon. Ein Dreieck aus dunklem Kies, vulkanischer Herkunft und von der ewigen Brandung zu einer Serie von Strandwällen aufgeschüttet, zwischen denen sich ganz typische, kleine, längliche Lagunen erstrecken. Weißblau schimmernde Eisberge und dicht gedrängte Treibeisschollen auf blauschwarzem, stillen Wasser sind aus der Luft ein überirdisch schöner Anblick, und schon von oben waren die vielen Pinguine erkennbar. Ridley Beach, so heißt die kleine Halbinsel, beherbergt eine der größten Kolonien der Adéliepinguine der Antarktis, oder sogar die größte. Von 250.000 Brutpaaren ist die Rede, das sind weit über eine halbe Million Tiere. Dafür finden wir bald erstaunlich viele pinguinfreie Flecken, vielleicht liegt dort zuviel Schnee zu Beginn der Brutsaison. Andererseits haben sie steile Hänge bis in 300 m Höhe in Besitz genommen. Erstklassige, unverbaubare Sicht, aber der Wetterschutz ..? Von den Mühen vor jeder einzelnen Fütterung der Küken gar nicht zu reden.

Menschen entwickeln in Großstädten komische Verhaltensweisen. Pinguine auch. 1911 verbrachte einer von Scotts Biologen den antarktischen Sommer am Kap Adare und machte erstaunliche Beobachtungen. Seine Beschreibungen der „sexual habits of the Adélie penguin“ waren so bizarr, dass man sie zunächst gar nicht veröffentlichen wollte. Erst hundert Jahre später wurde das kurze Papier ausgebuddelt, anhand späterer Beobachtungen für glaubwürdig befunden und 2012 veröffentlicht (in Polar Record). Interessanter Lesestoff.

Adéliepinguine, Kap Adare

Am Kap Adare tobt nicht nur das Pinguinleben, hier haben auch einmal Menschen für ein Jahr gelebt. Das war Carsten Borchgrevinks Überwinterung von 1899, zu zehnt haben sie in einer viel zu kleinen Hütte gehockt, viel zu wenig Beschäftigung gehabt und sich gegenseitig das Leben zur Hölle gemacht. Aber sie waren die ersten, die auf antarktischem Land überwintert haben. Die Hütte steht noch, sie ist die älteste der Antarktis, eine Ikone der Polargeschichte, das einzige Gebäude weltweit, das für sich in Anspruch nehmen kann, das erste eines ganzen Kontinents zu sein.

Hunderttausende Pinguine, antarktisches Panorama auf höchstem Niveau, die älteste Hütte des Kontinents – man darf glauben, dass die Stimmung gut war, als nach einem langen Nachmittag alle wieder an Bord waren. Eis und Glühwein auf dem Außendeck zur Feier des Tages, Eis im Becher, Eis ums Schiff, überall funkelt das schöne Eis in der Sonne. Es ist unser letzter Tag in der Nähe der antarktischen Küste. Heute hat die Antarktis noch einmal gezeigt, wie schön sie sein kann, und dabei alle Register gezogen.

Borchgrevinks Hütte, Kap Adare

Terra Nova Bay, Kap Hallet

Eine Bucht und ein Kap in der Überschrift – Terra Nova Bay, Kap Hallet – beide an der Küste des Victoria Landes im Rossmeer gelegen, das deutet Spannendes an. Große Eisbergalleen im Rossmeer, gewaltige Gletscher, Pinguine und Schwertwale quasi garantiert, eventuell auch eine Anlandung, vielleicht auf Inexpressible Island, wo Scotts Nordgruppe ungewollt und dramatisch, aber letztlich erfolgreich, überwintern musste? Zodiacausfahrten, Hubschrauberrundflüge, unter der Mitternachtssonne, vorm Frühstück, von früh bis spät?

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Ein sehr entspannter Tag sollte es tatsächlich werden. Wie sich zeigte, war die Küste überall viele Meilen weit von schwerem Packeis abgesperrt. Alte, harte, große Schollen, unüberwindliche Hindernisse. So blieb uns, bei tiefen Wolken und steifer Brise, fernab der Küste das Gefühl, auf hoher See zu sein, mitten im Rossmeer, das ja auch nicht gerade ein Teich ist. Nun, ein wenig Erholung von den langen Tagen, die wir bis gestern hatten, kann nicht schaden, und wir haben immer noch das Kap Adare vor uns, hoffen wir dafür das Beste.

Kap Royds

Wir hatten gestern Abend noch einen Anlauf am Kap Royds gemacht, nur um festzustellen, dass Backdoor Bay, die dortige Anlandebucht, immer noch mit völlig unbrauchbarem Eis gefüllt ist. Und somit wurden heute zu früher Stunde wieder die Hubschrauber aus dem Hangar gezogen, und bald war der Luftbus-Schütteldienst (shuttle service) wieder in Betrieb.

Kap Royds liegt am Fuß des Mount Erebus, deutlich sichtbar vulkanisch geprägt, mit ein paar sehr auffälligen Granit-Findlingen. Eine schöne, etwas finstere Hügellandschaft, und der prächtige Anblick des Mount Erebus im Hintergrund blieb uns auch heute erhalten. Was sehr angemessen war, denn immerhin ging seine Erstbesteigung von hier aus, während der Expedition, welche die Hütte hinterließ, zu der wir jetzt unseren kleinen Pilgergang machen.

Die Nimrod-Expedition (1907-09) war Shackletons erste eigene Antarktis-Expedition und auf jeden Fall seine erfolgreichste. Beinahe hat er den Südpol erreicht, es waren keine hundert Meilen mehr, als er sich zur Umkehr gezwungen sah, „besser ein lebender Esel als ein toter Löwe“. Der Mount Erebus wurde, wie gesagt, erstmalig bestiegen, und der südliche Magnetpol erreicht, wovon James Clark Ross 1841 nur hatte träumen können.

Die Hütte ist kleiner und schlichter als Scotts verwinkelte Basis am Kap Evans. Konserven stehen in den Regalen. Alle Männer teilten sich einen großen Raum, nur The Boss himself hatte ein Winkelchen für sich, das er aber zeitweise an Kranke abtrat. Bei genauem Hinschauen findet sich sogar noch Shackletons Unterschrift auf einem Brett.

Shackletons Hütte am Kap Royds

Wenige hundert Meter von der Nimrod-Hütte entfernt brüten Adeliepinguine, mehr oder weniger die südlichste Kolonie, die es überhaupt gibt. Wenn nicht die südlichste, wenn nicht am Kap Barne, ein Katzensprung von hier, nicht auch nur ein paar Nester sind.

Unser vorfrühstücklicher Ausflug dauert so lange, dass wir Kollegen es gerade noch zum Mittagessen an Bord schaffen. Zum Schluss dauert es immer lange, weil der letzte Hubschrauber immer erst dann auf dem Schiff landen kann, wenn der vorletzte zusammengefaltet und verstaut ist. Hubschrauberlogistik macht man nicht mal so schnell nebenbei. Heute hat sich aber wieder jede Minute gelohnt. Kollege Pinguinspezialist, nicht gerade ein Jünger der Polarhistorie, ist da ganz meiner Meinung. Auch ohne Shackleton-Hütte wäre Kap Royds einen Besuch wert.

Mount Erebus

Nach frühem Start und langem Morgen ist es nachmittags sehr ruhig an Bord, während wir den McMurdo-Sound verlassen und nach Norden fahren. Die wenigen Tage hier sind leider schon um, kurz war es, dafür umso schöner, sonnenverwöhnt. Meile um Meile über ruhiges, offenes Wasser, Ross Island im Blick, mit allen 3 großen Gipfeln gleichzeitig: Mount Terror, Mount Bird, Mount Erebus, dieses berühmte Trio aus gletscherbedeckten Vulkankegeln. Wie oft sieht man das so schön?

Dry Valleys: Taylor Valley

Nein, wir haben den 28.1. nicht einfach verschlafen. Den gab es bei uns nicht. Datumsgrenze.

Besser als heute kann das Wetter nicht werden. Das ist die Gelegenheit für den längsten Hubschrauberflug der Reise, nämlich in die Dry Valleys. Die Ortelius liegt in New Harbour, auf der Westseite des McMurdo Sound, und drückt ihren Bug in die etliche Meilen weite Festeisdecke. Vor der Nase haben wir das Transantarktische Gebirge, diese unglaublich gewaltige Bergkette, ein grandioser Gipfel neben dem anderen, ich weiß nicht wie viele hunderte Kilometer lang vom Kap Adare bis über den Axel Heiberg Gletscher hinaus, über 80°S hinweg. Und mittendrin diese merkwürdigen Täler, wo es selbst den Gletschern zu trocken ist.

Heute haben die Piloten viel zu tun, fast 100 Menschen von der Ortelius bis zum Canada Glacier im Taylor Valley zu befördern. Nebenbei bemerkt, waren die letzten Besucher, von Wissenschaftlern abgesehen, soweit uns bekannt im Februar 2013 hier und kamen ebenfalls von der Ortelius. Es ist nicht gerade überlaufen im Taylor Valley.

Canada Glacier, Taylor Valley

Wie alles hier, so ist auch der Besuch in den Dry Valleys genauestens geregelt, es gibt nur eine kleine Besucherzone, wo wir überhaupt hin dürfen. Das ganze Tal ist ewig weite, uralte Moräne, ein buntes Freilichtmuseum der Regionalgeologie, weite Wüste. Ein kleines Schmelzwasserrinnsal läuft vom Gletscher in den natürlich gefrorenen Lake Fryxell. Vergeblich sucht man auch nur die geringste Spur von Leben, aber man müsste wohl ein Mikroskop dabeihaben, um etwas zu entdecken und würde wohl am ehesten in den kleinen Wasserläufen und Seen fündig werden, wobei man aber keine Forellen oder Lachse erwarten sollte, sondern anpassungsfähige Mikorooganismen. Dabei haben sich sogar mehrere Robben hierher verirrt, die aber hier, über 10 km von der Küste entfernt, feststellen mussten, dass es sich ohne Wasser auf Dauer nicht gut lebt. Der Zustand ihrer traurigen Überreste zeugt von heftigen Sandstürmen in dieser polaren Kältewüste.

Von den Robbenmumien und Gletschern abgesehen, kann man sich so wohl ungefähr den Mond vorstellen.

Pinguine und Schwertwale im McMurdo Sound

Das Leben tobt unterdessen an der Eiskante, wo andere mit Zodiacs unterwegs sind, der Tag ist ja lang und lässt Zeit für mehr. Mehrere Herden von Schwertwalen ziehen durch die Kanäle zwischen den großen Eisplatten, wo hier und dort Adeliepinguine in kleinen Grüppchen stehen, die wahrscheinlich sehr unentspannt die großen Rückenflossen verfolgen, die regelmäßig hier und dort auftauchen. Auch die Zodiacs erregen mehrfach die friedliche Neugier dieser beeindruckenden Räuber. Ein kleiner Spaziergang auf meterdicken, betonharten Eisschollen, den Mount Erebus immer im Blick, rundet den Tag ab.

Kap Royds

Nach diesem absolut grandiosen Nachmittag am Kap Evans waren wir gut in Schwung, also auf zum Kap Royds, nur wenige Meilen nördlich vom Kap Evans. Dort ließ sich 1907-09 Shackleton mit seiner Nimrod-Expedition nieder, nicht seine bekannteste Expedition, aber sicher seine erfolgreichste. Und die einzige, während der er eine noch sichtbare Spur in der Antarktis hinterlassen hat.

Also, schnell vorm Essen schon mal schauen, ob am Ufer alles soweit in Ordnung ist, gutgelaunt ab ins Boot – und was müssen wir sehen, Backdoor Bay ist völlig mit Eis gefüllt. Und zwar nicht nur das gute, harte Festeis, auf dem man bequem an Land spazieren könnte, sondern davor ein vom Wind zusammengeschobener Streifen kleiner Eistrümmer. Zu dicht für die Boote, zu instabil, um darüber hinweg zu laufen. Nicht hilfreich.

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Also tun wir, was man sowieso am besten immer tun sollte, und denken nicht an das, was gerade nicht funktioniert, sondern freuen uns über die schöne Landung mit viel Zeit am Kap Evans und über den Anblick des Mount Erebus, der über allem hier thront und sein berühmtes kleines Rauchwölkchen vom Krater in 3,794 m Höhe in den knallblauen Abendhimmel schickt.

Kap Evans

Kap Evans, heiliger Boden der Antarktis-Geschichte und ein wunderbar schöner Ort bei diesem Wahnsinnswetter. Basis von Scotts letzter Expedition, mit der Terra Nova. Das Kreuz erinnert an Spencer-Smith, Haywood und Mackintosh. Wer hat seine Antarktis-Hausaufgaben gemacht und weiß, bei welcher Expedition diese 3 Männer ums Leben kamen ..? Richtig, die Aurora-Expedition, das logistische Gegenstück zu Shackletons Endurance. Auch bei Sir Ernest haben also nicht immer alle überlebt, wie oft behauptet wird.

Zentrum unserer Aufmerksamkeit ist natürlich Scotts Hütte, eine Zeitmaschine, die den Besucher beim Betreten von einem Augenblick auf den anderen ein Jahrhundert zurückversetzt, in die Tage des heroischen Zeitalters der Antarktis-Entdeckung. Es riecht noch nach Robbenspeck und Heu, die Hütte scheint bereit, die Männer jederzeit wieder willkommen zu heißen, die vielleicht nur kurz unterwegs sind und jeden Moment zur Tür hereinkommen können. Die Hütte am Kap Evans ist die schönste der 4 historischen Hütten im Rossmeer, tausende von Objekten aus dem Alltag von Scotts Männern stehen noch in ihr. Später wurde die Hütte noch von Shackletons Rossmeergruppe benutzt, die Aurora-Expedition (1914-17).

eKreuz für die Toten der Aurora-Expedition von Shackleton, Kap Evans

Mount Erebus

Übrigens, Mount Erebus … 🙂
 
 
 

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Kap Crozier

Der Tag hätte heute sehr früh mit einem Zodiaccruise am Kap Crozier beginnen können, wo der Ross Eischelf auf die Ross Insel trifft. Nur heulte der Wind so ums Schiff, dass an Zodiacs kein Gedanke zu verschwinden war. Trotzdem war es interessant, das berühmte Kap einmal gesehen zu haben, wenn auch nur aus der Ferne. Neben den landschaftlichen und tierischen Eindrücken ist es die „Schlimmste Reise der Welt“ (The worst journey in the world, von Apsley Cherry-Garrard), die das Kap Crozier so berühmt gemacht hat. Ich muss diese wilde Geschichte noch mal in ein paar Zeieln zusammenfassen. Aber jetzt nicht. Jetzt muss ich rausschauen. Der Mount Erebus müsste bald in Sicht kommen, das Transantarktische Gebirge ist schon am Horizont. Wir sind unterwegs zum Kap Royds und Kap Evans. Daumen drücken, dass dort alles gut läuft.

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Ross Eisschelf

Nachdem sich gestern Nachmittag noch eine Gelegenheit zu bieten schien, den Ross Eisschelf aus der Vogelperspektive, nämlich vom Hubschrauber aus zu bestaunen, hat sich das Wetterfenster leider auch wieder geschlossen, lange bevor alle das Vergnügen gehabt hatten. Was die Nerven schon ein wenig strapazieren kann. Da ist es mitunter zu einfach zu vergessen, dass Sicherheit Vorrang hat. Wer würde das bestreiten, aus der objektivierenden Ferne heraus betrachtet?

Dafür präsentierte der berühmte Eisschelf sich heute in bester Form, im Sonnenschein mit dem einen oder anderen dekorativen Wölkchen, und so konnten wir heute das Fliegen bei guten Bedingungen fortsetzen. Es hat sich gelohnt!

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Und natürlich ist es auch sehr gut und wichtig, nun mit den Aktivitäten im Rossmeer angefangen zu haben. Das Kabinenfieber fing an, sich hier und da bemerkbar zu machen.

Bay of Whales

Scheinbar paradox, tatsächlich aber ganz normal sind die Eisverhältnisse, so wie wir sie seit vorgestern angetroffen haben: Zwischen einem äußeren Eisgürtel und dem Ross Eisschelf ist das Wasser frei, mit gut 11 Knoten ging es munter nach Süden, bis heute Vormittag dann der berühmte Ross Eisschelf am Horizont auftauchte, „the great barrier“, eine unendliche, senkrechte Eiswand, 40-50 m hoch. Der Ross Eisschelf gehört zu den erstaunlichsten Orten der Erde, vergleichbar mit nichts anderem, außer den anderen Eischelfen der Antarktis, die man aber noch weniger zu sehen bekommt. Die weitere Beschreibung überlasse ich James Clark Ross, der diesen Eisschelf am 28. Januar 1841 als erster gesehen hat:

„Als wir uns dem Land (Anm.: Ross Island) unter Segel annäherten, nahmen wir eine niedrige weiße Linie wahr, die sich von seinem östlichen Ende so weit nach Osten erstreckte, wie das Auge sehen konnte. Sie stellte eine außergewöhnliche Erscheinung dar, immer höher werdend, während wir uns ihr annäherten, und sie stellte sich als eine senkrechte Klippe aus Eis heraus, zwischen 50 und 65 Meter hoch über dem Meer, oben drauf perfekt flach und eben, ohne irgendwelche Brüche oder Vorsprünge auf seiner seewärtigen Oberfläche. Was sich dahinter erstreckte, konnten wir nur erahnen … auf ein solches Hindernis zu treffen, war für uns alle eine große Enttäuschung, denn in unserer Erwartung waren wir bereits weit über den 80. Breitengrad hinaus, und hatten dort bereits einen Treffpunkt, für den Fall, dass die Schiffe (Anm.: Erebus und Terror) sich versehentlich verlieren sollten. Es war aber ein Hindernis von solcher Art, dass ich hinsichtlich u nserer künftigen Route keinen Zweifel hatte, dass wir mit genau dem gleichen Erfolg versuchen konnten, durch die Klippen von Dover zu fahren, wie durch eine solche Masse.“ (der englische Originaltext ist natürlich viel schöner und in der englischen Fassung dieses Blogs nachlesbar).

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Als zweiter nach James Clark Ross besuchte Carsten Borchgrevink Anfang 1900 den Ross-Eisschelf und stellte fest, dass dieser seine Position seit der Expedition von Ross um 30 Meilen nach Süden verändert hatte. Auf einem niedrigen Abschnitt des Eisschelfs gelang eine Landung, indem die Southern Cross wie in einem Hafen anlegte, und bei einem kurzen Ski-Ausflug erreichte Borchgrevinks Gruppe 78°50′ südlicher Breite.

1911 landete Amundsen in der Bay of Whales, eine Einbuchtung im Schelfeis auf 164°W, und stellte sein Winterquartier Framheim auf. Framheim stand auf 78°30’S. Wir waren vorhin bei 78°32,5’S/164°54’W, also ungefähr 11 Meilen westlich von Amundsens Framheim, vor allem aber 2,5 Meilen weiter südlich, und bis zum Eisschelf war es immer noch eine Meile oder so. Heute hätte Amundsen sein Winterquartier also einige Meilen näher am Südpol bauen können, wogegen der alte Entdecker sicher nichts gehabt hätte. Tatsächlich soll der Eisschelf mit Framheim 1928 abgebrochen und ins Meer hinausgetrieben sein.

Schneeschauer drohten die Sicht zu nehmen, so dass ein Hubschrauberflug aufs Schelfeis abgesagt wurde. Überwintern wollte dann doch keiner. Stattdessen fahren wir lieber nach Westen, Richtung Ross Island (also Mount Erebus) und McMurdo Sound, und sind gespannt, was die nächsten Tage so bringen.

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News-Auflistung generiert am 26. November 2020 um 09:54:36 Uhr (GMT+1)
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