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Jahres-Archiv: 2015 − Reiseblog


Neu­see­land

09.-10. Febru­ar 2015 – Nun liegt das Ende der Rei­se schon eine Woche zurück, einen letz­ten Blog-Bei­trag muss es aber noch geben, wir kön­nen die Orte­li­us ja nicht bei Camp­bell Island zurück­las­sen.
 
 

Stewart Island

Am 09. Febru­ar erfreu­te der Anblick der sanft rol­len­den Hügel von Ste­wart Island, am zunächst am Hori­zont und dann lang­sam aber sicher näher rückend, die Augen aller, und das war wohl auch das Signal für die Alba­tros­se, sich gegen Mit­tag still­schwei­gend von uns zu ver­ab­schie­den. Übri­gens waren in den letz­ten Tagen auch noch Weiß­kap­pen­al­ba­tros­se dar­un­ter. Zuge­ge­ben, ich hat­te sie zunächst für juve­ni­le Camp­bell-Alba­tros­se gehal­ten. So was pas­siert. Aber nein, es waren voll aus­ge­wach­se­ne Ver­tre­ter einer Art, die ich noch nicht gese­hen oder zumin­dest noch nie bewusst wahr­ge­nom­men habe. Wun­der­bar!

Weißkappenalbatros

Das Ende einer gro­ßen Rei­se ist ja immer erstaun­lich pro­fan. Päs­se wer­den gestem­pelt (dau­er­te erstaun­lich lan­ge), Gepäck vom Schiff aufs Tro­cke­ne gebracht (ging halb­wegs schnell), Hän­de geschüt­telt (zuwe­nig Zeit), und dann gefühlt unend­lich vie­le schwe­re Lebens­mit­tel­kis­ten für die nächs­ten 32 Tage in den tie­fen Bauch des Schif­fes geschleppt (dau­er­te viel zu lan­ge). Momen­te der Ent­span­nung in einem Café, wel­ches der süd­lichs­te Außen­pos­ten sei­nes glo­bal bekann­ten Mut­ter­kon­zerns sein will, in Inver­car­gill (ein Nest) und in einer Knei­pe in Bluff (dage­gen ist Inver­car­gill eine Groß­stadt) mit den Kol­le­gen. Einen Tag spä­ter der Beginn einer ätzend lan­gen, aber lei­der unver­meid­li­chen Rei­he von Flü­gen, ein­mal halb um den Pla­ne­ten.

Unter­des­sen ist die Orte­li­us schon wie­der unter­wegs, und nun, ein paar Tage spä­ter, ist sie auf gutem Weg ins Ross­meer. Camp­bell Island war auf dem Weg nach Süden freund­li­cher als ein paar Tage zuvor auf dem Weg nach Nor­den, soviel war schon zu hören. Nun bleibt nur, dem Schiff und allen an Bord die Dau­men zu drü­cken für eine gute, erleb­nis­rei­che Fahrt ins Ross­meer und dar­über hin­aus!

Ortelius, Bluff

Das war’s vor­erst mit mei­nem Ant­ark­tis-Rei­se­b­log. Nicht lan­ge, dann geht es in der Ark­tis wei­ter. Vor­erst aber gibt es jetzt den Rei­se­be­richt und aus­führ­li­che Foto­ga­le­rien die­ser Ross­meer Fahrt, und natür­lich wer­den in den nächs­ten Wochen ein paar Ergeb­nis­se mei­ner pan­ora­ma-foto­gra­fi­schen Bemü­hun­gen sicht­bar wer­den, und ich sage: es wird sich loh­nen. Anfang 2013 hat­te die Polar-Pan­ora­ma­fo­to­gra­fie für mich im Ross­meer ihren etwas müh­sa­men Anfang genom­men, aber die 2 Jah­re habe ich gut genutzt. Also schaut rein. Nach der Fahrt ist vor der Fahrt.

Dan­ke fürs Lesen!

Rolf

Meer der Alba­tros­se und des Win­des

Falls die Über­schrift bekannt vor­kommt: Das soll so sein, das passt hier ein­fach zu gut. Unse­re früh­mor­gend­li­chen Annä­he­rungs­ver­su­che bei Camp­bell Island waren klar zum Schei­tern ver­ur­teilt, Wind­ge­schwin­dig­kei­ten von 40-50 Kno­ten lie­ßen es nicht ein­mal zu, sich mit dem Schiff mehr als nur kurz in Per­se­ver­an­ce Har­bour auf­zu­hal­ten, der ein­zi­gen rich­ti­gen Bucht dort, die vor See­gang schützt, den West­wind aber kana­li­siert und somit eher noch ver­stärkt. Es konn­te kei­ne Rede davon sein, Anker zu wer­fen oder gar die Zodiacs aufs Was­ser zu set­zen.

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Ange­sichts bereits etwa 30 win­di­gen Stun­den Auf­ent­halt bei Camp­bell Island, aus­lau­fen­der Zeit und einer wenig Erfolg ver­hei­ßen­den Wet­ter­vor­her­sa­ge war der Fall damit klar: Ab auf hohe See, Kurs auf Bluff, unse­ren Ziel­ha­fen in Neu­see­land. Camp­bell Island war uns ein­fach nicht ver­gönnt. Oder, wie eine Mit­rei­sen­de es so schön und tref­fend for­mu­lier­te (eige­ne Über­set­zung): eine Insel hat das Recht, ’nein‘ zu sagen.

Der Tag auf See war eini­ger­ma­ßen ach­ter­bahn­ar­tig, wenn man von Was­ser­stra­ße spre­chen kann, dann hat die­se Stra­ße eine Men­ge Schlag­lö­cher. Rocks on the Road. Aber wer hier wohnt, fährt auch nicht Auto oder Fahr­rad und geht schon gar nicht zu Fuß. Wer hier wohnt, wur­de von der Natur mit ele­gan­ten und hoch­aus­ge­klü­gel­ten Flü­geln aus­ge­stat­tet und hat über­haupt kein Pro­blem damit, gelas­sen zen­ti­me­ter­dicht über Wel­len hin­weg­zu­glei­ten, die ande­ren die Lust aufs Früh­stück ver­ge­hen las­sen. Mehr als ein Dut­zend rie­si­ger Königs­al­ba­tros­se kreist gemäch­lich um das Schiff her­um, um alle paar Minu­ten erneut dicht an den­je­ni­gen vor­bei­zu­glei­ten, die sich für das Schau­spiel begeis­tern und wie ange­schraubt an Deck ste­hen. Alle paar Minu­ten gehen Bli­cke und Kame­ras hoch, wenn die gro­ßen Köni­ge oder ihre etwas klei­ne­ren Ver­wand­ten (Unter­ta­nen?) auf ihren wei­ten Umlauf­bah­nen, schein­bar Kep­lers Geset­zen gehor­chend, an unse­rem klei­nen Pla­ne­ten name ns Orte­li­us vor­bei­rau­schen.

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Für ein paar gol­de­ne Momen­te ist die­ses Ver­gnü­gen abends sogar vor der hin­ter einer tie­fen Wol­ken­bank ver­schwin­den­den Son­ne zu haben.

Insel der Alba­tros­se und des Win­des

Der Süd­oze­an – das hört sich so nach Süd­see an – das sind die brül­len­den Vier­zi­ger, die wil­den Fünf­zi­ger und die schrei­en­den Sech­zi­ger. Auf deutsch hört sich das wohl ziem­lich komisch an, man denkt da viel­leicht eher an einen etwas außer Kon­trol­le gera­tene­nen Män­ner­ge­sangs­ver­ein als an die win­digs­ten Brei­ten­gra­de des Pla­ne­ten. Bei den roa­ring for­ties, den furious fif­ties und den screa­ming six­ties weiß man gleich Bescheid.

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Heu­te röh­ren die Vier­zi­ger wie die Hir­sche im herbst­li­chen Wald, das ist an sich schon ein Spek­ta­kel. Natür­lich konn­te so kei­ne Rede davon sein, ent­lang der wil­den Klip­pen von Camp­bell Island auf Zodiac­tour zu gehen, auf der Suche nach Gel­bau­gen- und Fel­sen­pin­gui­nen und den diver­sen Alba­tros­sen und See­lö­wen, die es hier so gibt, geschwei­ge denn, an Land zu gehen. Wie war das mit dem Berg und dem Pro­phe­ten … Alba­tros­se zu Dut­zen­den ums Schiff her­um, und gedul­di­ges War­ten wur­de über kurz oder lang auch mit dem Anblick eines vor­bei­plan­schen­den Gel­bau­gen­pin­gu­ins und eines über die Wel­len sprin­gen­den See­lö­wen belohnt. Habe ich jemals schon sovie­le der Gro­ßen Alba­tros­se auf einem Fleck gese­hen? Ich glau­be kaum. Zeit­wei­se über 20 der „Gro­ßen“, dar­un­ter ver­steht man Wan­der- und Königs­al­ba­tros­se. Wahr­schein­lich waren es alle­samt Köni­ge.

Gelbaugenpinguin

Kaum weni­ger inter­es­sant war der Blick auf den Wind­mes­ser. 40-50 Kno­ten, also 70-90 km/h, rei­chen eigent­lich völ­lig aus. Span­nend waren die Böen. Bis zu 84 Kno­ten wur­den beob­ach­tet, das sind gut 150 km/h. Wind­stär­ke 12 auf der berühm­ten Beau­fort-Ska­la fängt bei 64 Kno­ten an, dar­über hin­aus ist nichts mehr defi­niert. Ab 64 Kno­ten heißt das Orkan. Wie gesagt, 84.

Campbell Island

Hier drü­cken jetzt alle die gan­ze Nacht lang alle Dau­men, dass es bis mor­gen früh ein wenig ruhi­ger wird. Dann ste­hen wir näm­lich kurz nach Son­nen­auf­gang auf Camp­bell Island. Wäre doch noch etwas, so als Sah­ne auf dem Kuchen.

Alba­tros­brei­ten

04.-05. Febru­ar 2015 – Es war klar, dass es nicht ewig so schön ruhig blei­ben wür­de. Nun, beschwe­ren kön­nen wir uns nicht, der Wind kommt aus süd­li­cher bis süd­west­li­cher Rich­tung, so dass er uns nicht ver­lang­samt und somit kei­ne wert­vol­le Zeit kos­tet. Zeit ist immer ein Schlüs­sel­fak­tor auf einer sol­chen Rei­se. Aber man merkt jetzt doch, dass wir auf einem Schiff sind. Eini­ge sind begeis­tert von den gro­ßen Wel­len, ande­re weni­ger.

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Wer sich warm ein­packt und drau­ßen steht – das Ach­ter­deck auf Ebe­ne 4 ist mit Abstand der bes­te Platz, um Vögel zu sehen zu zu foto­gra­fie­ren, dort trifft man sich – bekommt eine Men­ge gebo­ten. Wir sind wie­der in den Alba­tros­brei­ten, den furious fif­ties, die ihrem Namen nun eine gewis­se Ehre machen. Bul­lers Alba­tros, Wan­der­al­ba­tros, Süd­li­cher Königs­al­ba­tros, Camp­bell-Alba­tros, Ruß­al­ba­tros, habe ich einen ver­ges­sen? Dazu diver­se Feen­sturm­vö­gel, die omni­prä­sen­ten Kapsturm­vö­gel und ande­re, deren Namen ich auf deutsch gar nicht ken­ne: Soft-plu­ma­ged petrel, Mott­led petrel, She­ar­wa­ter … man bekommt hier eine Men­ge gebo­ten. Glück­lich, wer einen Feen­sturm­vo­gel (Pri­on) scharf aufs Bild bekommt.

Auf See

02.-03. Febru­ar 2015 – Einen Tag brau­chen wir, um das Pack­eis nörd­lich von Kap Ada­re zu durch­fah­ren, ins­ge­samt stellt sich das alles recht unpro­ble­ma­tisch her­aus. Wenn man das mit den 43 Tagen ver­gleicht, die die Ant­arc­tic 1895 brauch­te, um das Kap Ada­re von Nor­den zu ver­glei­chen … ich weiß der Ver­gleich ist unfair, Kapi­tän Kris­ten­sen hat­te kei­ne Eis­kar­ten, kei­nen Stahl­rumpf und kei­ne 3200 Kilo­watt im Maschi­nen­raum. Trotz­dem, man soll­te das im Kopf haben, um sich klar zu machen, in was für einer Umge­bung wir hier sind.

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Das Wet­ter meint es gut mit uns. Wind­still und son­nig ist es, eine Kreuz­fahrt im Süd­oze­an, man steht an Deck, lässt es sich gut gehen, in der Hand eine Tas­se, die Kame­ra über die Schul­ter hän­gend. So lässt es sich leben. Mal schau­en, wie lan­ge es so bleibt.

Kap Ada­re

Am Kap Ada­re wird aus der Ross­meer­küs­te die Küs­te der Ost­ant­ark­tis. Ein hoher Fels­rü­cken, der sich in den Süd­oze­an hin­aus­schiebt. Kein Wun­der, dass an einem sol­chen Hin­der­nis alle Win­de, Wol­ken und Treib­eis­fel­der der gesam­ten Umge­bung hän­gen­blei­ben, und davon gibt es ja eine gan­ze Men­ge.

Man muss also auf alles ein­ge­stellt sein, wenn es in die­se Rich­tung geht. Das Bes­te hof­fen, auf das Schlech­tes­te ein­ge­stellt sein, so haben es die Polar­fah­rer schon immer gemacht, jeden­falls die­je­ni­gen, die wuss­ten, wor­auf sie sich ein­lie­ßen, und dar­an hat sich bis heu­te nichts geän­dert.

Zuge­ge­ben, ich hat­te trotz­dem gro­ße Hoff­nun­gen an eine erfolg­rei­che Lan­dung, als das Kap Ada­re am Hori­zont auf­tauch­te. Einer der bekann­tes­ten Namen der Ant­ark­tis, geo­gra­phi­scher Tor­wäch­ter zum Ross­meer, am 11. Janu­ar 1841 von kei­nem gerin­ge­ren als James Clark Ross ent­deckt, und schon die­ser alte Hau­de­gen kam dort nicht an Land. (wie­der fin­det sich das eng­li­sche Ori­gi­nal im eng­li­schen Blog, sprach­lich lesens­wer­ter als mei­ne Über­set­zung) „ … mit auf­lan­di­gem Wind, und kräf­ti­ger Bran­dung an der Eis­kan­te, fan­den wir es ziem­lich unprak­ti­ka­bel.“ Aber die Land­schaft gefiel ihm: „Es ist ein bemer­kens­wer­ter Anblick hoher, dunk­ler, ver­mut­lich vul­ka­ni­scher Klip­pen, und bil­det einen star­ken Kon­trast zur übri­gen, schnee­be­deck­ten Küs­te. … Es war ein wun­der­bar kla­rer Abend, und wir hat­ten den bezau­bernds­ten Blick auf die zwei groß­ar­ti­gen Berg­ket­ten, deren luf­ti­ge Gip­fel, per­fekt mit ewi­gem Schnee bedeckt, bis in Höhen zwi­schen sie­ben und zehn­tau­se nd Metern über das Meer reich­ten. Die Glet­scher, wel­che die dazwi­schen­lie­gen­den Täler füll­ten, stie­ßen vie­ler­orts vie­le Mei­len ins Meer vor und ende­ten in hohen, senk­rech­ten Eis­wän­den. An eini­gen Stel­len tra­ten Fel­sen durch das Eis her­vor, und nur daher konn­ten wir sicher sein, dass Land den Kern die­ses, wie es schien, enor­men Eis­ber­ges bil­de­te.“

Kap Adare

Wie unglaub­lich war es, als sogar die leich­te Bri­se abflau­te, wäh­rend wir uns dem berühm­ten Kap näher­ten – und zwar unter einem makel­los blau­em Him­mel. Von den paar Leu­ten, die ich ken­ne und die dort schon ein­mal waren, wird das kei­ner glau­ben. Nur ein dich­ter Pack­eis­gür­tel noch zwi­schen der Orte­li­us und der dunk­len Halb­in­sel, also wer­den die Hub­schrau­ber start­klar gemacht. Wenn der alte Ross das gese­hen hät­te!

Die Ufer am Kap Ada­re sind Steil­klip­pen, die eigent­li­che Lan­de­stel­le ist eine klei­ne, fla­che Halb­in­sel west­lich davon. Ein Drei­eck aus dunk­lem Kies, vul­ka­ni­scher Her­kunft und von der ewi­gen Bran­dung zu einer Serie von Strand­wäl­len auf­ge­schüt­tet, zwi­schen denen sich ganz typi­sche, klei­ne, läng­li­che Lagu­nen erstre­cken. Weiß­blau schim­mern­de Eis­ber­ge und dicht gedräng­te Treib­eis­schol­len auf blau­schwar­zem, stil­len Was­ser sind aus der Luft ein über­ir­disch schö­ner Anblick, und schon von oben waren die vie­len Pin­gui­ne erkenn­bar. Rid­ley Beach, so heißt die klei­ne Halb­in­sel, beher­bergt eine der größ­ten Kolo­nien der Adé­lie­pin­gui­ne der Ant­ark­tis, oder sogar die größ­te. Von 250.000 Brut­paa­ren ist die Rede, das sind weit über eine hal­be Mil­li­on Tie­re. Dafür fin­den wir bald erstaun­lich vie­le pin­guin­freie Fle­cken, viel­leicht liegt dort zuviel Schnee zu Beginn der Brut­sai­son. Ande­rer­seits haben sie stei­le Hän­ge bis in 300 m Höhe in Besitz genom­men. Erst­klas­si­ge, unver­bau­ba­re Sicht, aber der Wet­ter­schutz ..? Von den Mühen vor jeder ein­zel­nen Füt­te­rung der Küken gar nicht zu reden.

Men­schen ent­wi­ckeln in Groß­städ­ten komi­sche Ver­hal­tens­wei­sen. Pin­gui­ne auch. 1911 ver­brach­te einer von Scotts Bio­lo­gen den ant­ark­ti­schen Som­mer am Kap Ada­re und mach­te erstaun­li­che Beob­ach­tun­gen. Sei­ne Beschrei­bun­gen der „sexu­al habits of the Adé­lie pen­gu­in“ waren so bizarr, dass man sie zunächst gar nicht ver­öf­fent­li­chen woll­te. Erst hun­dert Jah­re spä­ter wur­de das kur­ze Papier aus­ge­bud­delt, anhand spä­te­rer Beob­ach­tun­gen für glaub­wür­dig befun­den und 2012 ver­öf­fent­licht (in Polar Record). Inter­es­san­ter Lese­stoff.

Adéliepinguine, Kap Adare

Am Kap Ada­re tobt nicht nur das Pin­guin­le­ben, hier haben auch ein­mal Men­schen für ein Jahr gelebt. Das war Cars­ten Borch­g­re­vinks Über­win­te­rung von 1899, zu zehnt haben sie in einer viel zu klei­nen Hüt­te gehockt, viel zu wenig Beschäf­ti­gung gehabt und sich gegen­sei­tig das Leben zur Höl­le gemacht. Aber sie waren die ers­ten, die auf ant­ark­ti­schem Land über­win­tert haben. Die Hüt­te steht noch, sie ist die ältes­te der Ant­ark­tis, eine Iko­ne der Polar­ge­schich­te, das ein­zi­ge Gebäu­de welt­weit, das für sich in Anspruch neh­men kann, das ers­te eines gan­zen Kon­ti­nents zu sein.

Hun­dert­tau­sen­de Pin­gui­ne, ant­ark­ti­sches Pan­ora­ma auf höchs­tem Niveau, die ältes­te Hüt­te des Kon­ti­nents – man darf glau­ben, dass die Stim­mung gut war, als nach einem lan­gen Nach­mit­tag alle wie­der an Bord waren. Eis und Glüh­wein auf dem Außen­deck zur Fei­er des Tages, Eis im Becher, Eis ums Schiff, über­all fun­kelt das schö­ne Eis in der Son­ne. Es ist unser letz­ter Tag in der Nähe der ant­ark­ti­schen Küs­te. Heu­te hat die Ant­ark­tis noch ein­mal gezeigt, wie schön sie sein kann, und dabei alle Regis­ter gezo­gen.

Borchgrevinks Hütte, Kap Adare

Ter­ra Nova Bay, Kap Hal­let

Eine Bucht und ein Kap in der Über­schrift – Ter­ra Nova Bay, Kap Hal­let – bei­de an der Küs­te des Vic­to­ria Lan­des im Ross­meer gele­gen, das deu­tet Span­nen­des an. Gro­ße Eis­berg­al­le­en im Ross­meer, gewal­ti­ge Glet­scher, Pin­gui­ne und Schwert­wa­le qua­si garan­tiert, even­tu­ell auch eine Anlan­dung, viel­leicht auf Inex­pres­si­ble Island, wo Scotts Nord­grup­pe unge­wollt und dra­ma­tisch, aber letzt­lich erfolg­reich, über­win­tern muss­te? Zodia­caus­fahr­ten, Hub­schrau­ber­rund­flü­ge, unter der Mit­ter­nachts­son­ne, vorm Früh­stück, von früh bis spät?

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Ein sehr ent­spann­ter Tag soll­te es tat­säch­lich wer­den. Wie sich zeig­te, war die Küs­te über­all vie­le Mei­len weit von schwe­rem Pack­eis abge­sperrt. Alte, har­te, gro­ße Schol­len, unüber­wind­li­che Hin­der­nis­se. So blieb uns, bei tie­fen Wol­ken und stei­fer Bri­se, fern­ab der Küs­te das Gefühl, auf hoher See zu sein, mit­ten im Ross­meer, das ja auch nicht gera­de ein Teich ist. Nun, ein wenig Erho­lung von den lan­gen Tagen, die wir bis ges­tern hat­ten, kann nicht scha­den, und wir haben immer noch das Kap Ada­re vor uns, hof­fen wir dafür das Bes­te.

Kap Royds

Wir hat­ten ges­tern Abend noch einen Anlauf am Kap Royds gemacht, nur um fest­zu­stel­len, dass Back­door Bay, die dor­ti­ge Anlan­de­bucht, immer noch mit völ­lig unbrauch­ba­rem Eis gefüllt ist. Und somit wur­den heu­te zu frü­her Stun­de wie­der die Hub­schrau­ber aus dem Han­gar gezo­gen, und bald war der Luft­bus-Schüt­tel­dienst (shut­tle ser­vice) wie­der in Betrieb.

Kap Royds liegt am Fuß des Mount Ere­bus, deut­lich sicht­bar vul­ka­nisch geprägt, mit ein paar sehr auf­fäl­li­gen Gra­nit-Find­lin­gen. Eine schö­ne, etwas fins­te­re Hügel­land­schaft, und der präch­ti­ge Anblick des Mount Ere­bus im Hin­ter­grund blieb uns auch heu­te erhal­ten. Was sehr ange­mes­sen war, denn immer­hin ging sei­ne Erst­be­stei­gung von hier aus, wäh­rend der Expe­di­ti­on, wel­che die Hüt­te hin­ter­ließ, zu der wir jetzt unse­ren klei­nen Pil­ger­gang machen.

Die Nim­rod-Expe­di­ti­on (1907-09) war Shack­le­tons ers­te eige­ne Ant­ark­tis-Expe­di­ti­on und auf jeden Fall sei­ne erfolg­reichs­te. Bei­na­he hat er den Süd­pol erreicht, es waren kei­ne hun­dert Mei­len mehr, als er sich zur Umkehr gezwun­gen sah, „bes­ser ein leben­der Esel als ein toter Löwe“. Der Mount Ere­bus wur­de, wie gesagt, erst­ma­lig bestie­gen, und der süd­li­che Magnet­pol erreicht, wovon James Clark Ross 1841 nur hat­te träu­men kön­nen.

Die Hüt­te ist klei­ner und schlich­ter als Scotts ver­win­kel­te Basis am Kap Evans. Kon­ser­ven ste­hen in den Rega­len. Alle Män­ner teil­ten sich einen gro­ßen Raum, nur The Boss hims­elf hat­te ein Win­kel­chen für sich, das er aber zeit­wei­se an Kran­ke abtrat. Bei genau­em Hin­schau­en fin­det sich sogar noch Shack­le­tons Unter­schrift auf einem Brett.

Shackletons Hütte am Kap Royds

Weni­ge hun­dert Meter von der Nim­rod-Hüt­te ent­fernt brü­ten Ade­lie­pin­gui­ne, mehr oder weni­ger die süd­lichs­te Kolo­nie, die es über­haupt gibt. Wenn nicht die süd­lichs­te, wenn nicht am Kap Bar­ne, ein Kat­zen­sprung von hier, nicht auch nur ein paar Nes­ter sind.

Unser vor­früh­stück­li­cher Aus­flug dau­ert so lan­ge, dass wir Kol­le­gen es gera­de noch zum Mit­tag­essen an Bord schaf­fen. Zum Schluss dau­ert es immer lan­ge, weil der letz­te Hub­schrau­ber immer erst dann auf dem Schiff lan­den kann, wenn der vor­letz­te zusam­men­ge­fal­tet und ver­staut ist. Hub­schrau­ber­lo­gis­tik macht man nicht mal so schnell neben­bei. Heu­te hat sich aber wie­der jede Minu­te gelohnt. Kol­le­ge Pin­gu­in­spe­zia­list, nicht gera­de ein Jün­ger der Polar­his­to­rie, ist da ganz mei­ner Mei­nung. Auch ohne Shack­le­ton-Hüt­te wäre Kap Royds einen Besuch wert.

Mount Erebus

Nach frü­hem Start und lan­gem Mor­gen ist es nach­mit­tags sehr ruhig an Bord, wäh­rend wir den McMur­do-Sound ver­las­sen und nach Nor­den fah­ren. Die weni­gen Tage hier sind lei­der schon um, kurz war es, dafür umso schö­ner, son­nen­ver­wöhnt. Mei­le um Mei­le über ruhi­ges, offe­nes Was­ser, Ross Island im Blick, mit allen 3 gro­ßen Gip­feln gleich­zei­tig: Mount Ter­ror, Mount Bird, Mount Ere­bus, die­ses berühm­te Trio aus glet­scher­be­deck­ten Vul­kan­ke­geln. Wie oft sieht man das so schön?

Dry Val­leys: Tay­lor Val­ley

Nein, wir haben den 28.1. nicht ein­fach ver­schla­fen. Den gab es bei uns nicht. Datums­gren­ze.

Bes­ser als heu­te kann das Wet­ter nicht wer­den. Das ist die Gele­gen­heit für den längs­ten Hub­schrau­ber­flug der Rei­se, näm­lich in die Dry Val­leys. Die Orte­li­us liegt in New Har­bour, auf der West­sei­te des McMur­do Sound, und drückt ihren Bug in die etli­che Mei­len wei­te Fest­eis­de­cke. Vor der Nase haben wir das Tran­s­ant­ark­ti­sche Gebir­ge, die­se unglaub­lich gewal­ti­ge Berg­ket­te, ein gran­dio­ser Gip­fel neben dem ande­ren, ich weiß nicht wie vie­le hun­der­te Kilo­me­ter lang vom Kap Ada­re bis über den Axel Hei­berg Glet­scher hin­aus, über 80°S hin­weg. Und mit­ten­drin die­se merk­wür­di­gen Täler, wo es selbst den Glet­schern zu tro­cken ist.

Heu­te haben die Pilo­ten viel zu tun, fast 100 Men­schen von der Orte­li­us bis zum Cana­da Gla­cier im Tay­lor Val­ley zu beför­dern. Neben­bei bemerkt, waren die letz­ten Besu­cher, von Wis­sen­schaft­lern abge­se­hen, soweit uns bekannt im Febru­ar 2013 hier und kamen eben­falls von der Orte­li­us. Es ist nicht gera­de über­lau­fen im Tay­lor Val­ley.

Canada Glacier, Taylor Valley

Wie alles hier, so ist auch der Besuch in den Dry Val­leys genau­es­tens gere­gelt, es gibt nur eine klei­ne Besu­cher­zo­ne, wo wir über­haupt hin dür­fen. Das gan­ze Tal ist ewig wei­te, uralte Morä­ne, ein bun­tes Frei­licht­mu­se­um der Regio­nal­geo­lo­gie, wei­te Wüs­te. Ein klei­nes Schmelz­was­ser­rinn­sal läuft vom Glet­scher in den natür­lich gefro­re­nen Lake Fry­xell. Ver­geb­lich sucht man auch nur die gerings­te Spur von Leben, aber man müss­te wohl ein Mikro­skop dabei­ha­ben, um etwas zu ent­de­cken und wür­de wohl am ehes­ten in den klei­nen Was­ser­läu­fen und Seen fün­dig wer­den, wobei man aber kei­ne Forel­len oder Lach­se erwar­ten soll­te, son­dern anpas­sungs­fä­hi­ge Mikoroo­ga­nis­men. Dabei haben sich sogar meh­re­re Rob­ben hier­her ver­irrt, die aber hier, über 10 km von der Küs­te ent­fernt, fest­stel­len muss­ten, dass es sich ohne Was­ser auf Dau­er nicht gut lebt. Der Zustand ihrer trau­ri­gen Über­res­te zeugt von hef­ti­gen Sand­stür­men in die­ser pola­ren Käl­te­wüs­te.

Von den Rob­ben­mu­mi­en und Glet­schern abge­se­hen, kann man sich so wohl unge­fähr den Mond vor­stel­len.

Pinguine und Schwertwale im McMurdo Sound

Das Leben tobt unter­des­sen an der Eis­kan­te, wo ande­re mit Zodiacs unter­wegs sind, der Tag ist ja lang und lässt Zeit für mehr. Meh­re­re Her­den von Schwert­wa­len zie­hen durch die Kanä­le zwi­schen den gro­ßen Eis­plat­ten, wo hier und dort Ade­lie­pin­gui­ne in klei­nen Grüpp­chen ste­hen, die wahr­schein­lich sehr unent­spannt die gro­ßen Rücken­flos­sen ver­fol­gen, die regel­mä­ßig hier und dort auf­tau­chen. Auch die Zodiacs erre­gen mehr­fach die fried­li­che Neu­gier die­ser beein­dru­cken­den Räu­ber. Ein klei­ner Spa­zier­gang auf meter­di­cken, beton­har­ten Eis­schol­len, den Mount Ere­bus immer im Blick, run­det den Tag ab.

Kap Royds

Nach die­sem abso­lut gran­dio­sen Nach­mit­tag am Kap Evans waren wir gut in Schwung, also auf zum Kap Royds, nur weni­ge Mei­len nörd­lich vom Kap Evans. Dort ließ sich 1907-09 Shack­le­ton mit sei­ner Nim­rod-Expe­di­ti­on nie­der, nicht sei­ne bekann­tes­te Expe­di­ti­on, aber sicher sei­ne erfolg­reichs­te. Und die ein­zi­ge, wäh­rend der er eine noch sicht­ba­re Spur in der Ant­ark­tis hin­ter­las­sen hat.

Also, schnell vorm Essen schon mal schau­en, ob am Ufer alles soweit in Ord­nung ist, gut­ge­launt ab ins Boot – und was müs­sen wir sehen, Back­door Bay ist völ­lig mit Eis gefüllt. Und zwar nicht nur das gute, har­te Fest­eis, auf dem man bequem an Land spa­zie­ren könn­te, son­dern davor ein vom Wind zusam­men­ge­scho­be­ner Strei­fen klei­ner Eis­trüm­mer. Zu dicht für die Boo­te, zu insta­bil, um dar­über hin­weg zu lau­fen. Nicht hilf­reich.

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Also tun wir, was man sowie­so am bes­ten immer tun soll­te, und den­ken nicht an das, was gera­de nicht funk­tio­niert, son­dern freu­en uns über die schö­ne Lan­dung mit viel Zeit am Kap Evans und über den Anblick des Mount Ere­bus, der über allem hier thront und sein berühm­tes klei­nes Rauch­wölk­chen vom Kra­ter in 3,794 m Höhe in den knall­blau­en Abend­him­mel schickt.

Kap Evans

Kap Evans, hei­li­ger Boden der Ant­ark­tis-Geschich­te und ein wun­der­bar schö­ner Ort bei die­sem Wahn­sinns­wet­ter. Basis von Scotts letz­ter Expe­di­ti­on, mit der Ter­ra Nova. Das Kreuz erin­nert an Spen­cer-Smith, Hay­wood und Mack­in­tosh. Wer hat sei­ne Ant­ark­tis-Haus­auf­ga­ben gemacht und weiß, bei wel­cher Expe­di­ti­on die­se 3 Män­ner ums Leben kamen ..? Rich­tig, die Auro­ra-Expe­di­ti­on, das logis­ti­sche Gegen­stück zu Shack­le­tons Endu­ran­ce. Auch bei Sir Ernest haben also nicht immer alle über­lebt, wie oft behaup­tet wird.

Zen­trum unse­rer Auf­merk­sam­keit ist natür­lich Scotts Hüt­te, eine Zeit­ma­schi­ne, die den Besu­cher beim Betre­ten von einem Augen­blick auf den ande­ren ein Jahr­hun­dert zurück­ver­setzt, in die Tage des heroi­schen Zeit­al­ters der Ant­ark­tis-Ent­de­ckung. Es riecht noch nach Rob­ben­speck und Heu, die Hüt­te scheint bereit, die Män­ner jeder­zeit wie­der will­kom­men zu hei­ßen, die viel­leicht nur kurz unter­wegs sind und jeden Moment zur Tür her­ein­kom­men kön­nen. Die Hüt­te am Kap Evans ist die schöns­te der 4 his­to­ri­schen Hüt­ten im Ross­meer, tau­sen­de von Objek­ten aus dem All­tag von Scotts Män­nern ste­hen noch in ihr. Spä­ter wur­de die Hüt­te noch von Shack­le­tons Ross­meer­grup­pe benutzt, die Auro­ra-Expe­di­ti­on (1914-17).

eKreuz für die Toten der Aurora-Expedition von Shackleton, Kap Evans

Mount Ere­bus

Übri­gens, Mount Ere­bus … 🙂
 
 
 

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Kap Cro­zier

Der Tag hät­te heu­te sehr früh mit einem Zodi­ac­crui­se am Kap Cro­zier begin­nen kön­nen, wo der Ross Eischelf auf die Ross Insel trifft. Nur heul­te der Wind so ums Schiff, dass an Zodiacs kein Gedan­ke zu ver­schwin­den war. Trotz­dem war es inter­es­sant, das berühm­te Kap ein­mal gese­hen zu haben, wenn auch nur aus der Fer­ne. Neben den land­schaft­li­chen und tie­ri­schen Ein­drü­cken ist es die „Schlimms­te Rei­se der Welt“ (The worst jour­ney in the world, von Aps­ley Cher­ry-Gar­r­ard), die das Kap Cro­zier so berühmt gemacht hat. Ich muss die­se wil­de Geschich­te noch mal in ein paar Zei­eln zusam­men­fas­sen. Aber jetzt nicht. Jetzt muss ich raus­schau­en. Der Mount Ere­bus müss­te bald in Sicht kom­men, das Tran­s­ant­ark­ti­sche Gebir­ge ist schon am Hori­zont. Wir sind unter­wegs zum Kap Royds und Kap Evans. Dau­men drü­cken, dass dort alles gut läuft.

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Ross Eis­schelf

Nach­dem sich ges­tern Nach­mit­tag noch eine Gele­gen­heit zu bie­ten schien, den Ross Eis­schelf aus der Vogel­per­spek­ti­ve, näm­lich vom Hub­schrau­ber aus zu bestau­nen, hat sich das Wet­ter­fens­ter lei­der auch wie­der geschlos­sen, lan­ge bevor alle das Ver­gnü­gen gehabt hat­ten. Was die Ner­ven schon ein wenig stra­pa­zie­ren kann. Da ist es mit­un­ter zu ein­fach zu ver­ges­sen, dass Sicher­heit Vor­rang hat. Wer wür­de das bestrei­ten, aus der objek­ti­vie­ren­den Fer­ne her­aus betrach­tet?

Dafür prä­sen­tier­te der berühm­te Eis­schelf sich heu­te in bes­ter Form, im Son­nen­schein mit dem einen oder ande­ren deko­ra­ti­ven Wölk­chen, und so konn­ten wir heu­te das Flie­gen bei guten Bedin­gun­gen fort­set­zen. Es hat sich gelohnt!

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Und natür­lich ist es auch sehr gut und wich­tig, nun mit den Akti­vi­tä­ten im Ross­meer ange­fan­gen zu haben. Das Kabi­nen­fie­ber fing an, sich hier und da bemerk­bar zu machen.

Bay of Wha­les

Schein­bar para­dox, tat­säch­lich aber ganz nor­mal sind die Eis­ver­hält­nis­se, so wie wir sie seit vor­ges­tern ange­trof­fen haben: Zwi­schen einem äuße­ren Eis­gür­tel und dem Ross Eis­schelf ist das Was­ser frei, mit gut 11 Kno­ten ging es mun­ter nach Süden, bis heu­te Vor­mit­tag dann der berühm­te Ross Eis­schelf am Hori­zont auf­tauch­te, „the gre­at bar­ri­er“, eine unend­li­che, senk­rech­te Eis­wand, 40-50 m hoch. Der Ross Eis­schelf gehört zu den erstaun­lichs­ten Orten der Erde, ver­gleich­bar mit nichts ande­rem, außer den ande­ren Eischel­fen der Ant­ark­tis, die man aber noch weni­ger zu sehen bekommt. Die wei­te­re Beschrei­bung über­las­se ich James Clark Ross, der die­sen Eis­schelf am 28. Janu­ar 1841 als ers­ter gese­hen hat:

„Als wir uns dem Land (Anm.: Ross Island) unter Segel annä­her­ten, nah­men wir eine nied­ri­ge wei­ße Linie wahr, die sich von sei­nem öst­li­chen Ende so weit nach Osten erstreck­te, wie das Auge sehen konn­te. Sie stell­te eine außer­ge­wöhn­li­che Erschei­nung dar, immer höher wer­dend, wäh­rend wir uns ihr annä­her­ten, und sie stell­te sich als eine senk­rech­te Klip­pe aus Eis her­aus, zwi­schen 50 und 65 Meter hoch über dem Meer, oben drauf per­fekt flach und eben, ohne irgend­wel­che Brü­che oder Vor­sprün­ge auf sei­ner see­wär­ti­gen Ober­flä­che. Was sich dahin­ter erstreck­te, konn­ten wir nur erah­nen … auf ein sol­ches Hin­der­nis zu tref­fen, war für uns alle eine gro­ße Ent­täu­schung, denn in unse­rer Erwar­tung waren wir bereits weit über den 80. Brei­ten­grad hin­aus, und hat­ten dort bereits einen Treff­punkt, für den Fall, dass die Schif­fe (Anm.: Ere­bus und Ter­ror) sich ver­se­hent­lich ver­lie­ren soll­ten. Es war aber ein Hin­der­nis von sol­cher Art, dass ich hin­sicht­lich u nse­rer künf­ti­gen Rou­te kei­nen Zwei­fel hat­te, dass wir mit genau dem glei­chen Erfolg ver­su­chen konn­ten, durch die Klip­pen von Dover zu fah­ren, wie durch eine sol­che Mas­se.“ (der eng­li­sche Ori­gi­nal­text ist natür­lich viel schö­ner und in der eng­li­schen Fas­sung die­ses Blogs nach­les­bar).

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Als zwei­ter nach James Clark Ross besuch­te Cars­ten Borch­g­re­vink Anfang 1900 den Ross-Eis­schelf und stell­te fest, dass die­ser sei­ne Posi­ti­on seit der Expe­di­ti­on von Ross um 30 Mei­len nach Süden ver­än­dert hat­te. Auf einem nied­ri­gen Abschnitt des Eis­schelfs gelang eine Lan­dung, indem die Sou­thern Cross wie in einem Hafen anleg­te, und bei einem kur­zen Ski-Aus­flug erreich­te Borch­g­re­vinks Grup­pe 78°50′ süd­li­cher Brei­te.

1911 lan­de­te Amund­sen in der Bay of Wha­les, eine Ein­buch­tung im Schelf­eis auf 164°W, und stell­te sein Win­ter­quar­tier Fram­heim auf. Fram­heim stand auf 78°30’S. Wir waren vor­hin bei 78°32,5’S/164°54’W, also unge­fähr 11 Mei­len west­lich von Amund­sens Fram­heim, vor allem aber 2,5 Mei­len wei­ter süd­lich, und bis zum Eis­schelf war es immer noch eine Mei­le oder so. Heu­te hät­te Amund­sen sein Win­ter­quar­tier also eini­ge Mei­len näher am Süd­pol bau­en kön­nen, woge­gen der alte Ent­de­cker sicher nichts gehabt hät­te. Tat­säch­lich soll der Eis­schelf mit Fram­heim 1928 abge­bro­chen und ins Meer hin­aus­ge­trie­ben sein.

Schnee­schau­er droh­ten die Sicht zu neh­men, so dass ein Hub­schrau­ber­flug aufs Schelf­eis abge­sagt wur­de. Über­win­tern woll­te dann doch kei­ner. Statt­des­sen fah­ren wir lie­ber nach Wes­ten, Rich­tung Ross Island (also Mount Ere­bus) und McMur­do Sound, und sind gespannt, was die nächs­ten Tage so brin­gen.

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News-Auflistung generiert am 18. September 2021 um 07:41:38 Uhr (GMT+1)
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